Kolumne : Gesund mit Brausetablette?

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin.

Hartmut Wewetzer
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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Viele Leute glauben, dass sie die tägliche Multivitamin-Brausetablette gesund erhält. Denn Vitamine erfüllen lebenswichtige Funktionen im Körper, und unser Organismus kann sie schließlich nicht selbst herstellen (mit Ausnahme des Vitamin D). Also erscheint es sinnvoll, sie in konzentrierter Form einzunehmen.

Leuchtet ein, denken Sie? Stimmt! Und doch sind die Ergebnisse der Vitamin-Forscher in den letzten Jahren ziemlich ernüchternd ausgefallen. Große Studien mit vielen Teilnehmern lieferten keinen Beleg dafür, dass zusätzliche Vitamine in Pillenform das Leben verlängern oder chronischen Krankheiten vorbeugen. Die Hoffnung, dass „besonders viel“ an Vitaminen auch „besonders viel hilft“, erwies sich als Trugschluss. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall.

Das Mantra der Ernährungswissenschaftler lautet, dass Menschen, die sich ausgewogen und vielseitig ernähren, keine zusätzlichen Vitamine brauchen. Echte Mangelkrankheiten wie Skorbut infolge eines Vitamin-C-Defizits kommen bei uns praktisch nicht mehr vor. Die Situation ist paradox: Leute, die sich über gesunde Ernährung Gedanken machen und Vitamine als Ergänzung in Erwägung ziehen oder sogar einnehmen, brauchen sie meist nicht. Und den Menschen, die sich schlecht ernähren, kann in der Regel eine Vitaminpille auch keinen echten Nutzen bringen. Denn gute Ernährung besteht aus mehr als nur Vitaminen. Obst und Gemüse wirken „als Ganzes“ und sind nicht durch Tabletten zu ersetzen.

Und doch heißt das nicht, dass zusätzliche Vitamine nicht auch für Gesunde nützlich sein können. Denn obwohl Deutschland keine Vitaminmangelzone ist, besteht eine Unterversorgung an Folsäure und Vitamin D. Hauptquelle für Folsäure sind Multivitaminsäfte, auch Speisesalz kann man mit Folsäure versetzt kaufen. Frauen, die schwanger werden wollen, wird die Einnahme von Folsäure empfohlen, weil diese das Risiko von Fehlbildungen beim Baby, etwa dem offenen Rücken, verringert.

Vitamin D stärkt die Knochen, der hormonähnlichen Substanz werden zudem weitere gesundheitsfördernde Wirkungen nachgesagt. Insbesondere Ältere sind mangelgefährdet, weil sie weniger essen und seltener an die frische Luft kommen – die UV-Strahlung der Sonne ermöglicht es nämlich der Haut, eine Vorstufe des Vitamin D zu bilden. Der Ernährungswissenschaftler Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim sieht den Vitamin-D-Mangel in Deutschland sogar als „schwerwiegendes Problem“ an, dass nicht nur alte Menschen, sondern zum Beispiel auch junge Frauen betrifft.

Wer also – etwa als Älterer – einem potenziellen Mangel an Vitamin D vorbeugen will, für den empfiehlt sich laut Biesalski die Einnahme eines Multivitamin-Produkts. Beim Kauf sollte man darauf achten, dass eine Tablette auch von jedem Vitamin 100 Prozent der empfohlenen Tagesdosis enthält. Belässt man es bei einer Tablette am Tag, macht man auf jeden Fall nichts falsch.

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