Kolumne : Hirn-Diät mit Kaffee

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Vorbeugen gegen Alzheimer – was hilft?

Hartmut Wewetzer
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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Kann man gegen Alzheimer vorsorgen? Ziemlich verblüffend, was skandinavische Wissenschaftler zu diesem Thema herausgefunden haben: Wer es auf drei bis fünf Tassen Kaffee am Tag bringt, verringert die Gefahr, an Demenz – also an Alzheimer oder anderen Formen geistigen Verfalls – zu erkranken, um stattliche 65 Prozent. Verglichen mit jenen Menschen, die weniger trinken. In der Untersuchung war der Kaffeekonsum von 1409 Männern und Frauen über 21 Jahre verfolgt worden.

Wenn ich also morgens anderthalb Becher mit dem bitteren Filtrat hinunterstürze (nein, es schmeckt mir wirklich!), dann senke ich mein Alzheimer-Risiko. Klingt zu schön, um wahr zu sein.

Eine Erklärung dafür gibt es noch nicht. Es ist bekannt, dass Kaffeetrinker seltener an Typ-2-Diabetes (Alterszucker) erkranken. Diese Stoffwechselstörung erhöht wiederum das Alzheimer-Risiko. Auch möglich, dass die in Kaffee reichlich vorhandenen Antioxidantien die Hirngefäße vor Kalk schützen. Koffein könnte zudem die Ablagerung von Amyloid im Gehirn verringern, also von Alzheimer-typischem Eiweißmüll.

Man sollte die Untersuchung jedoch nicht überbewerten. „Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie“, sagte die Leiterin Miia Kivipelto vom Stockholmer Karolinska-Institut. „Wir haben keinen Beleg dafür, dass es für Menschen, die bisher keinen Kaffee tranken, einen positiven Effekt hat, wenn sie mit dem Konsum beginnen.“ Die Studie gebe einen „interessanten Hinweis“, meint der Alzheimer-Experte Lutz Frölich vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim. „Ähnliches gilt für grünen Tee.“ Aber der letzte Beweis fehle noch.

Bis heute gibt es keine „magische Pille“, die vor Alzheimer schützt. Und auch kein Kraut: Ende 2008 ergab eine US-Studie, dass Ginkgo-Extrakt für die Demenz-Vorsorge nichts bringt. Zudem können wir zwei wichtige Alzheimer-Risikofaktoren nicht beeinflussen, nämlich unsere Gene und unser Alter – die Krankheit wird mit den Jahren immer häufiger.

Also abwarten und grünen Tee (oder Kaffee) trinken? Nicht ganz. Es ist plausibel und auch schon zum Teil bewiesen, dass ein gesunder Lebensstil das Beste ist, was wir für unseren Kopf tun können. Vereinfacht gesagt: Was gut für Herz und Kreislauf gut ist, nützt auch dem Hirn. Eindeutig gezeigt wurde das bei hohem Blutdruck – wird er gesenkt, sinkt auch das Alzheimer-Risiko. Blutzucker und Cholesterin sollten ebenfalls unter Kontrolle sein. Besonders wichtig: Körperlich und geistig beweglich bleiben.

Eine interessante Nachricht zu dem Thema kommt aus Münster. Forscher der Universität verordneten Übergewichtigen drei verschiedene Diätformen: 30 Prozent weniger Kalorien, die gleiche Kalorienzahl wie zuvor, aber mit gesünderen Fetten und schließlich eine unveränderte Ernährung. Nach drei Monaten stellte sich heraus, dass sich die Gedächtnisleistung bei den Wenigessern nachweislich gebessert hatte, während sie bei den anderen Gruppen gleich blieb. So einfach kann eine Hirn-Diät sein. Und nicht den Kaffee vergessen, versteht sich.

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