Kolumne: Jens Mühling entdeckt den wilden Osten : Armer kleiner Timka

Wenn ich in Kiew von der U-Bahn aus nach Hause laufe, mache ich manchmal einen kleinen Umweg.

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Über den Friedhof der Kuscheltiere. Eigentlich heißt der Friedhof natürlich anders, genauer gesagt hat er überhaupt keinen Namen, ich nenne ihn bloß so. Es ist ein wilder Friedhof, die Anwohner setzen ihre Verstorbenen einfach auf einem unbebauten Areal neben den Bahngleisen bei. Manche Gräber sind mit schlichten Holzkreuzen markiert, andere mit aufwendigen Grabsteinen. Manche sind mit Porträtbildern verziert. Unter dem Namen Kiska lächelt ein betagtes Katzengesicht, Laika ist ein hechelnder Schäferhund, Tischka ein Mischling mit ausgeprägtem Collie-Anteil. Zu den Sehenswürdigkeiten des Friedhofs gehören ferner eine finstere Bulldogge namens Adolf sowie ein Kaninchen namens Kaninchen.

Eines Tages, als ich nach Hause schlenderte, sah ich in einer Ecke des Friedhofs zwei Männer stehen. Einer von ihnen kam auf mich zugelaufen. Er sah ramponiert aus, wie nach einer durchzechten Nacht. „Brüderchen, warte“, rief er. „Gib mir eine Zigarette.“ Ich gab ihm eine. Er klemmte sie hinters Ohr.

„Danke. Hast du auch einen Spaten?“

„Nein. Wieso?“

Mit einer knappen Kopfbewegung deutete er hinter sich. Zu Füßen des zweiten Mannes lag eine große, dunkelbraune Plastiktüte. „Dein Hund?“, fragte ich zögernd. Er nickte: „Mein armer kleiner Timka.“ Betreten starrte ich auf die Tüte, mir fielen keine Beileidsworte ein. „Schon gut“, sagte der Mann, der meine Verlegenheit bemerkte. „Er war schon alt.“

Gern hätte ich ihn mit einer improvisierten Trauerrede aufgemuntert, aber mir fiel nichts ein, ich hatte den Verstorbenen ja nicht gekannt. Erst im Laufe des Nachmittags reimte ich mir aus den Erzählungen von Timkas Herrchen das eine oder andere zusammen. Hätte ich noch einmal die Chance, mein Nekrolog klänge so:

Er war ein treuer Freund, ein verlässlicher Beschützer. Liebe Freunde, wir trauern um Timka, der sein Leben ausgehaucht hat unter einem Küchentisch im 17. Stock eines Plattenbaus in Kiew-Darniza. Es war ein langes, ein erfülltes Hundeleben. Begonnen hat es im Jahr 1991, als die Sowjetunion endete – und mit ihr das Zeitalter hündischer Heldentaten. Timka flog nicht in den Kosmos. Er bewachte keinen Eisernen Vorhang, sprang nie dem imperialistischen Klassenfeind an die Gurgel. Timkas Heldentaten waren schlichter. Er war noch klein, als er bei einer Kundgebung dem Kiewer Lenin-Denkmal ans Marmorbein pinkelte. Den Beifall der Umstehenden nahm er mit freudigem Schwanzwedeln entgegen, obwohl er ihn ebenso wenig begriff wie die Schelte, die er wenig später bezog, als er die Rubel-Ersparnisse seines Herrchens aus einer alten Matratze zerrte und genüsslich vertilgte. Kurz darauf vertilgte eine Inflation genüsslich die Rubel-Ersparnisse sämtlicher Ukrainer, und Timkas Herrchen war der einzige, der darüber lachen konnte.

Die Jahre kamen, die Jahre gingen. Timka wuchs zu einem mittelgroßen Cockerspaniel heran, die Ukraine schlitterte von einer mittelgroßen Katastrophe in die nächste. Doch lassen Sie uns, liebe Trauergäste, nicht vergessen, mit welchen Worten die Nationalhymne dieses jungen Landes beginnt, das vor 19 Jahren zeitgleich mit Timka das Licht der Welt erblickte: „Noch ist die Ukraine nicht gestorben.“ In unseren Herzen, Timka, bist auch du nicht gestorben.

Im Südwesten des Friedhofs der Kuscheltiere gibt es jetzt ein neues Grab. Ein Kreuz aus Weidenzweigen markiert die Stelle. Achtmal täglich fährt der Vorortzug Richtung Kiew-Darniza an Timka vorbei, und manchmal, an warmen Tagen, sonnen sich Spatzen auf seinem Grab.

Hier schreiben im Wechsel: Jens Mühling, Elena Senft, Moritz Rinke und Christine Lemke-Matwey

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