Kolumne: Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Angriff der Blutsauger

Eigentlich wollte ich nur wissen, wie man am besten in die Taiga kommt. Seit ich es weiß, interessiert mich mehr, wie man lebendig wieder rauskommt.

Jens Mühling
Foto: Mike Wolff

Eigentlich wollte ich nur wissen, wie man am besten in die Taiga kommt. Seit ich es weiß, interessiert mich mehr, wie man lebendig wieder rauskommt. In der südsibirischen Kleinstadt Abasa wurde mir ein Mann namens Grischa als Urwaldspezialist empfohlen. „Er ist Geologe“, erklärte sein Bruder Sergej. „Er kriecht ständig in der Taiga rum und kann dir alles erzählen.“

Ich fragte, wo ich Grischa finden könne. „Im Krankenhaus“, antwortete Sergej. Ich sah ihn fragend an. „Zeckenbiss“, sagte er schulterzuckend. „Enzephalitis. Berufskrankheit.“

Grischa empfing mich auf einer Parkbank im Spitalgarten. Er reichte mir die linke Hand – in der rechten steckte ein Plastikschlauch, dessen anderes Ende in einen Infusionsbeutel mündete. Er hielt sich nicht lange mit Grußworten auf. „Gegen diese Biester ist man machtlos“, sagte er. „Schutzcreme, Schutzkleidung, Impfung – hat alles nichts geholfen, sie haben mich trotzdem drangekriegt.“ Er wedelte demonstrativ mit dem Infusionsschlauch. Dann sah er mich erschrocken an. „Mensch, du wirst ja ganz blass. Mach dir mal keine Sorgen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dich eine infizierte Zecke erwischt, ist verschwindend gering.“ Ich sah skeptisch auf den Infusionsbeutel. „Wirklich, vergiss die Zecken“, sagte er. „Wenn du erst mal in der Taiga bist, wirst du gar nicht mehr dazu kommen, an Zecken zu denken.“

„Wieso?“, fragte ich ahnungslos.

Grischa grinste. „Weil die Mücken schlimmer sind. Um diese Jahreszeit geben sie dir keine ruhige Sekunde. Es sind so viele, dass sie die Sonne verdunkeln. Du wirst nicht mehr wissen, wo dein Körper aufhört und wo die Mücken anfangen …“ Er hielt einen Moment inne. „Mann, du siehst mich schon wieder an wie den Leibhaftigen. Krieg mal keinen Schreck, an die Mücken gewöhnt man sich. Viel schlimmer sind die Moschki.“

„Die was?“ – „Moschki. Winzige Viecher, die durch jedes Loch kriechen, da hilft nicht mal ein Imkernetz. Wenn sie zubeißen, jaulst du vor Schmerz. Die sind nicht wie Mücken, die dir einen sauberen Stich setzen – Moschki reißen dir das Fleisch aus dem Leib. Wenn sie richtig zulangen, erkennst du dich im Spiegel nicht wieder.“ Ich schluckte.

„Aber ehrlich gesagt“, fuhr Grischa in beruhigendem Tonfall fort, „vergiss die Moschki. Viel schlimmer sind die Mokrezy …“

„Genug!“, unterbrach ich ihn. – „… und noch schlimmer …“ – „Es reicht!“ – „… sind die Slepni ...“

Ich hielt mir die Ohren zu. Grischa verwandelte sich in einen gestikulierenden Stummfilmstar. Ich machte eine wortlose Charlie-Chaplin-Verbeugung und ging nach Hause.

Dort erwartete mich San Sanytsch, mein Gastgeber. Er ist Lehrer, sein Unterrichtsfach nennt sich „Grundlagen sicherer Lebensführung“. Sanytsch bringt seinen Schülern bei, wie man sich bei Naturkatastrophen verhält, wie eine Raucherlunge aussieht, wie man Geschlechtskrankheiten vermeidet – und wie man sich Insekten vom Leib hält.

Viel beizubringen gibt es da allerdings nicht. Auf Seite 136 des Lehrbuchs „Grundlagen sicherer Lebensführung für die 6. Klassen, herausgegeben von J. L. Worobjowa, Verdiente Lebensretterin der Russischen Föderation, Heldin Russlands“ heißt es lapidar: „In der Taiga fallen zwischen Anfang Mai und September Schwärme blutsaugender Mücken, Moschki, Mokrezy und Slepni über alles Lebende her. Sie kriechen in die Nase, in die Ohren, in den Mund und unter die Kleidung, ihre Bisse sind schmerzhaft und können Nervenzusammenbrüche auslösen. Sich an sie zu gewöhnen ist unmöglich, und Schutz gibt es praktisch nicht.“

Wenn schon eine Heldin Russlands vor den sibirischen Insekten kapituliert – wie soll dann ein deutscher Kolumnist die Taiga überleben?

Hier schreiben abwechselnd Christine Lemke-Matwey, Moritz Rinke, Elena Senft und Jens Mühling.

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