Kolumne: Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Da haben wir den Heringssalat!

Neulich, in Deutschland, habe ich ein paar Freunde mit russischem Essen bekocht. Genauer gesagt: mit „Seljodka pod schuboj“, Hering im Pelzmantel, einem kalten Salat.

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Die Reaktionen, wiewohl durchweg positiv, haben mich ehrlich gesagt ein bisschen schockiert. Hier eine kleine Auswahl:

„So was Filigranes hätte ich den Russen gar nicht zugetraut.“

„Das Rezept hast du aber ein bisschen verfeinert, oder?“

„Komisch, ich hatte die Russen immer in die Barbaren-Ecke gesteckt.“

Es ist vergleichsweise einfach, deutsche Russland-Klischees zu widerlegen. Man nehme dazu eine mittelgroße Auflaufform und fülle sie Schicht für Schicht mit den Grundbestandteilen der russischen Gesellschaft.

Zunächst die Unterschicht. Sie stinkt ein bisschen, und ihr Geschmack ist nichts für schwache Nerven. Auf alles Verfeinerte reagiert sie mit proletarischem Naserümpfen, weshalb man ihr besser nicht mit Gewürzen zuleibe rückt. Die braucht sie auch gar nicht, sie ist selbst so würzig, dass ihr Aroma das ganze Land durchdringt. Snobs behaupten, die russische Unterschicht sei ohne Wodka kaum zu verdauen. Ohne ihre rohe Direktheit aber wäre Russland nicht das Land, das es ist, und „Seljodka pod schuboj“ nicht der Salat, der er ist. Die Unterschicht besteht aus gehacktem Salzhering und rohen Zwiebeln.

Die Mittelschicht ist vielschichtig. Sie setzt sich, grob gesprochen, aus drei getrennten Lagern zusammen: ganz unten sind die Alten, die Wendeverlierer, zu Sowjetzeiten privilegiert, heute chronisch absturzgefährdet; in der Mitte liegt die breite Schicht unterbezahlter Lehrer, Ärzte und sonstiger Akademiker; und ganz oben die jungen Aufsteiger, die Wendegewinner, die sich kaum noch an die Sowjetzeit erinnern können. Übersetzt in Salatzutaten: eine Schicht Kartoffeln, eine Schicht Möhren, eine Schicht Rote Bete, alles gekocht und anschließend grob gerieben. Als Faustregel gilt: Je weiter entfernt vom Hering, desto weniger riecht die Mittelschicht nach Unterschicht.

Die Oberschicht ist dünn. Aber sie macht sich breit. Im Grunde besteht sie nur aus Fett, und obwohl sie geschmacklich nicht den allergrößten Beitrag zum Gesamtaroma leistet, ist sie der sichtbarste Teil der Salatgesellschaft. Fett schwimmt nun mal oben – und verdeckt den Blick auf alles, was darunter liegt. Außenstehende verwechseln Russland deshalb allzu oft mit seiner fettgebadeten Elite. Die Untenstehenden hingegen würden die ganze ölige Oligarchenschicht am liebsten komplett zum Teufel jagen. Dann allerdings würde eine Zutat fehlen, ohne die der russische Gesellschaftssalat nicht auskommt, ob einem das nun gefällt oder nicht. Die Oberschicht besteht aus purer Mayonnaise.

Für sich genommen mag das alles wenig vielversprechend klingen: stinkender Hering, laffes Gemüse, fette Mayonnaise. Lässt man den Schichtsalat aber ein paar Stunden im Kühlschrank durchziehen und schneidet ihn anschließend in tellergerechte Stücke, dann kommt Russland in seiner ganzen Vielschichtigkeit unters Messer, und so plötzlich wie unerwartet fügen sich alle Widersprüche des Landes zu einem schillernden Gericht von vollendeter Harmonie.

Den Unterschied zwischen einem teuren französischen Zwölf-Gänge- Menü und einem billigen russischen Heringssalat hat vielleicht am treffendsten der Schriftsteller Wladimir Odojewskij zusammengefasst, auch wenn sein Vergleich viel weiter reicht. „In Europa ist vieles gut, aber alles zusammen ist schlecht“, schrieb Odojewskij 1844. „In Russland ist vieles schlecht, aber alles zusammen ist gut.“

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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