Kolumne: Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Lustige Winterwitze in Sibirien

Der Tag begann unsanft. Eine Stimme riss mich aus dem Schlaf: „Guten Morgen, Ausländer!“

Der Tag begann unsanft. Eine Stimme riss mich aus dem Schlaf: „Guten Morgen, Ausländer!“ Ich schreckte auf, stieß mir den Kopf an der Abteildecke und brauchte ein paar verschlafene Sekunden, um die Schaffnerin zu erkennen. „Noch anderthalb Stunden bis Krasnojarsk“, rief sie leutselig. „Zeit zum Aufstehen, mein lieber Ausländer.“

Ich kletterte aus der Schlafkoje. Im unteren Abteilbereich empfingen mich meine Mitreisenden mit einem maliziösen Grinsen. „Sieh mal aus dem Fenster“, sagte Artjom, ein pensionierter Rennfahrer, der am Vorabend seinen selbstgebrannten Zedernuss-Schnaps mit mir geteilt hatte.

Ich sah aus dem Fenster. Weiße Flocken tanzten zwischen kahlen Birken. Es war Ende Mai. „Willkommen in Sibirien“, sagte Artjom.

Ich wollte meinen schlaftrunkenen Augen nicht trauen. Tags zuvor war die Sonne noch hinter sattgrünen Sommerwiesen untergegangen, jetzt spiegelte sie sich in vereisten Pfützen. Bis kurz vor der Ankunft in Krasnojarsk hoffte ich verzweifelt auf einen Scherz, eine optische Täuschung, einen potjemkinschen Winter, den ein grausamer Gott vor dem Zugfenster inszenierte. Erst als die Wagentür aufsprang, als klirrende Kälte den Korridor flutete und die Schaffnerin mit Atemwolken vor dem Mund die Aussteigenden verabschiedete („Gute Reise, lieber Ausländer!“), ließ ich alle Hoffnung fahren. Ergeben fügte ich mich in mein transsibirisches Schicksal.

Wladimir nahm mich am Bahnhof mit dem amüsierten Grinsen in Empfang, das ich von meinen Abteilgefährten kannte. „Bereit für den sibirischen Sommer?“, fragte er. Ich nickte ein zähneklapperndes Nicken. „Wir haben ein kleines Picknick für dich vorbereitet“, sagte er. „Draußen auf der Datscha.“ Ich lächelte ein dankbares Lächeln, während ich mit klammen Fingern am Reißverschluss meiner Sommerjacke zerrte.

Wir grillten Schaschliks im Freien. Lange Spieße hingen über heißen Backsteinen, neben denen sich zischende Schmelzwasserpfützen bildeten. Wladimir und seine Freunde grinsten vielköpfig, während sie ihren Gast klimatisch auf Vordermann brachten, äußerlich (Lammfelljacke, Filzstiefel, Pelzmütze) wie innerlich (Vierzigprozentiger, Fünfzigprozentiger, Sechzigprozentiger). Dann begannen die Winterwitze. „Woran erkennt man in Sibirien, ob es Sommer oder Winter ist?“, fragte Wladimir. Er machte eine Kunstpause. „Überhaupt nicht?“, fragte ich resigniert. „Doch“, rief er triumphierend, „an der Felljacke!“ Er sah mich herausfordernd an. „Wieso an der Felljacke?“, fragte ich mit pflichtschuldigem Unverständnis. Wladimir platzte heraus: „Im Winter trägt man sie geschlossen, im Sommer offen!“ Er brach in markerschütterndes Lachen aus, das die gesamte Runde erfasste, wieder und wieder, Winterwitz für Winterwitz. Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Bewunderung verfolgte ich dieses Schauspiel geografischen Galgenhumors, das nicht abriss, bis wir uns spät in der Nacht auf Matratzen um den wärmenden Datscha-Ofen gruppiert hatten.

„Ausländer, schläfst du?“, flüsterte eine Stimme in der Dunkelheit.

„Noch nicht.“

„Rate, woran man in Sibirien ...“

„Es reicht!“ Erschöpft zog ich mir die Decke über die Ohren und fiel in einen traumlosen Schlaf.

Morgens lag Frost auf den Wiesen. Die Sonne schien. Im Lauf des Vormittags erhitzte sich die Luft bis in den T-Shirt-Bereich. Knospen barsten, Insekten surrten, ein explosives Knistern lag in der Luft, als warte die Natur, frühlingslos vom Winter in den Sommer durchzustarten.

„Das war’s“, murmelte Wladimir, als er die Terrasse betrat. „In drei Tagen ist hier alles grün.“

Es klang traurig. Wie jeder Abschied.

Hier schreiben im Wechsel Christine Lemke-Matwey, Elena Senft, Moritz Rinke und Jens Mühling.

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