Kolumne: Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Unorthodoxe Träume

Der Zufall wollte es, dass ich eines Sonntags in Kiew morgens in die Kirche und abends in die Oper ging. Bei beiden Vorstellungen saß ich in der ersten Reihe, wobei das jetzt ungenau ausgedrückt ist, weil es in den orthodoxen Kirchen weder Reihen noch Sitze gibt. Hier steht man. Und kann nicht anders.

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Überhaupt ist so ein orthodoxer Gottesdienst keine besonders besucherfreundliche Angelegenheit. Die Priester sprechen Altkirchenslawisch, eine Sprache, die der durchschnittliche Ukrainer kaum besser versteht als ich. Es gibt keine Predigt, nur eine lange, gesungene, keinerlei Variationen zulassende Liturgie. Die Gemeinde singt nicht mit, überhaupt sind die Gottesdienste hier nicht so zum Mitmachen gedacht, der orthodoxe Kirchgänger steht im Weihrauchnebel und bekreuzigt sich, mehr nicht. Während der Hälfte des Gottesdienstes kann er nicht einmal die Priester sehen, weil sie ihre Sakramente hinter der Ikonenwand verrichten, die den Altarraum blickdicht von der Gemeinde trennt.

Man sollte jetzt meinen, dass die orthodoxe Kirche als Ort der Freizeitgestaltung nicht so attraktiv ist, dass sie sozusagen ein Serviceproblem hat, dass die Kirchen noch leerer sind als in Deutschland. Aber von wegen – ich musste meinen Stehplatz mit Klauen und Zähnen verteidigen! „Und das ist noch gar nichts“, flüsterte mir ein kirchenerprobter Begleiter zu. „An Feiertagen kannst du froh sein, wenn du hier auf einem Bein stehen kannst.“

Gut besucht war abends auch die Oper. Tschaikowski stand auf dem Programm, „Eugen Onegin“. Die meisten Zuschauer sahen aus, als säßen sie seit den 50er Jahren auf den gleichen Plätzen. Bei meinem Sitznachbarn war das auch tatsächlich der Fall – er erzählte mir, dass er seit Stalins Tod keine einzige Aufführung von „Eugen Onegin“ verpasst hatte. Warum seit Stalins Tod? Weil er da mit seinen Eltern aus der sibirischen Verbannung zurück nach Kiew gekommen war. Er zog ein vergilbtes Blatt Papier aus seiner Aktentasche. Es war sein Rehabilitierungsurteil. Er zeigte es mir so beiläufig, wie man einem Unbekannten im Zug ein Foto vom letzten Türkeiurlaub zeigt, oder einen Artikel im DB-Bordmagazin.

Die Inszenierung machte den Eindruck, als sei sie seit Stalins Tod nicht entscheidend verändert worden – mit leicht verknautschten historischen Kostümen und pastellfarbenen Landschaftskulissen, mit plastisch gesungenen Großgefühlen und einer Dramaturgie, die so vorhersehbar war wie, nun ja, das Amen in der Kirche. Vorhang, Applaus, Nelken, Applaus, Bravo, Applaus, Applaus. Mein rehabilitierter Sitznachbar hatte Tränen in den Augen.

Nachts ließ ich meinen ukrainischen Sonntag Revue passieren. In der Kirche versteht man nichts, im Theater alles, und beides ist voll. Komisch, dachte ich. In Deutschland ist es andersrum.

Bei uns haben die Kirchen Sitzplätze und Liturgieverständnisgruppen und christliches Yoga, und in den Theatern sieht man vor lauter intellektuellem Weihrauch die Hand vor Augen nicht. Die Priester veranschaulichen jedes Mysterium in Grund und Boden, die Regisseure sprechen eine Sprache, die ich manchmal kaum besser verstehe als der durchschnittliche Ukrainer. Vielleicht muss man da mal was machen, dachte ich.

Im Traum war ich der Herr der Intendanzen: Ich schickte Margot Käßmann an die Schaubühne und Kirsten Harms nach Rom, Kardinal Marx übernahm die Deutsche Oper und Frank Castorf den Ratsvorsitz der EKD. Die Kirchen füllten sich, die Feuilletons waren begeistert, und eitel Wohlgefallen kehrte ein auf Erden wie im Himmel.

Sobald ich wieder in Berlin bin, werde ich mal ein paar Thesen an die Volksbühne nageln!

An dieser Stelle wechseln sich ab: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Elena Senft und Moritz Rinke.

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