Kolumne: Jens Mühling erkundet den wilden Osten : Verkaterte Bären

Mein Eindruck ist, dass sich nach Kemerowo nur selten Ausländer verirren.

Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

Anders kann ich mir nicht erklären, warum man mich in dieser südsibirischen Stadt mit einer Gastfreundschaft empfing, die selbst für russische Verhältnisse bemerkenswert war.

Meine Gastgeber – Bekannte von Bekannten, denen ich gänzlich unbekannt war – luden mich am Abend meiner Ankunft ins beste Restaurant der Stadt ein. „Was treibt dich nach Kemerowo?“, fragten sie.

„Ich schreibe ein Buch“, antwortete ich. „Über Russland.“ – „Die Deutschen interessieren sich für Russland?“ Kopfschütteln ging durch die Runde. Mascha, eine Fernsehjournalistin, sagte: „Ich habe im Türkeiurlaub mal einen Deutschen kennengelernt. Dem fielen zu Russland genau zwei Dinge ein: Wodka und Bären.“ – „Genau deshalb“, antwortete ich, „schreibe ich mein Buch.“

Nach einem opulenten Dinner ließen meine Gastgeber mir die Reste einer gigantischen Grillplatte einpacken, die das ausgehungertste Kosakenregiment nicht bewältigt hätte. „Das ist doch nicht nötig“, protestierte ich. „Das ist für morgen“, lautete die Antwort. „Wir müssen leider arbeiten und können uns nicht um dich kümmern, deshalb haben wir einen Ausflug vorbereitet. In den Nationalpark. Da gibt es Bären. Die kannst du mit dem Fleisch füttern.“

Am nächsten Morgen erwarteten mich: eine silberglänzende Limousine; ein Chauffeur; eine promovierte Ethnologin, die meine Gastgeber als Exkursionsleiterin angeheuert hatten. Nach zwei Stunden Fahrt nahm uns der Parkdirektor in Empfang: „Schauen Sie sich alles an“, sagte er. „Wir bereiten inzwischen einen kleinen Imbiss vor.“

Die Ethnologin führte mich durch den Park, zeigte mir antike Felsinschriften und altslawische Holzarchitektur. Als wir schließlich das Bärengehege erreichten, packte ich meine Fleischreste aus. Das Rascheln der Plastiktüte lockte zwei Braunbären aus ihrem Verschlag: „Mischa und Mascha“, stellte die Ethnologin vor. Ich warf ein Kotelett nach dem anderen in den Käfig. Mascha stürzte sich auf die Brocken und zerriss sie. Mischa dagegen sah mich traurig an. Er schob das Fleisch lustlos über den Käfigboden, ohne zu essen.

„Was ist mit ihm?“, fragte ich.

Die Ethnologin zögerte. „Er hat …“, sagte sie, „nun ja, andere Vorlieben. Fragen Sie den Parkdirektor, das ist sein Gebiet. Ich bin Ethnologin.“

Der „kleine Imbiss“ erwies sich als das, als was sich kleine Imbisse in Russland immer erweisen: Im Büro des Direktors bog sich der Schreibtisch unter Fleischpasteten, Räucherfisch – und Wodkaflaschen. Die typische Zeremonie begann. „Danke, das Glas ist doch noch halb voll“, protestierte ich. – „Bitte, das Glas ist doch schon halb leer“, insistierte der Direktor. In einem verzweifelten Versuch, die Aufmerksamkeit der Runde von mir abzulenken, fragte ich den Direktor nach Mischa, dem Bären.

„Er ist Alkoholiker“, lautete die trockene Antwort. Ich verschluckte mich an einem Bissen Räucherfisch.

„Wissen Sie“, sagte der Direktor, „die Parkbesucher machen sich einen Spaß daraus, den Bären Wodka in die Futterrinne zu schütten. Mascha rührt das Zeug nicht an, Mischa besäuft sich. An Feiertagen, wenn die halbe Stadt in den Park fährt, torkelt er abends nur noch im Kreis.“

Ich hustete hilflos. Der Direktor nutzte meine wehrlose Lage aus, um mein Glas nachzufüllen. „Manchmal ist es so schlimm“, fuhr er fort, „dass wir Mischa am nächsten Morgen wieder Wodka geben müssen. Weil er verkatert ist.“ Er schien meine Fassungslosigkeit nicht zu bemerken. „Aber wir reden die ganze Zeit nur über Russland!“, rief er leutselig. „Was treibt Sie nach Kemerowo?“ – „Ich schreibe ein Buch“, lallte ich. „Über … über Wodka und Bären.“

An dieser Stelle wechseln sich ab: Jens Mühling, Elena Senft, Moritz Rinke und Christine Lemke-Matwey.

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