Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : „Ekran“ heißt „Mattscheibe“

Es ist verblüffend schwierig, in Berlin kurzfristig einen Türkischkurs zu buchen. „Schon voll“, „keine Plätze mehr“, „im März wieder“ – die halbe Stadt scheint Türkisch zu lernen, wer hätte das gedacht?

Jens Mühling

Ein Bekannter, der sich schon eine Weile mit der Sprache beschäftigt, erzählte mir, dass Berliner Türkischlerngruppen meist zur Hälfte aus Deutschen bestehen, die sich in Einwanderer verliebt haben, und zur anderen Hälfte aus Einwandererkindern der dritten und vierten Generation, die endlich verstehen wollen, was ihre türkischen Groß- und Urgroßeltern am Mittagstisch vor sich hin murmeln. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber sobald ich es herausfinde, lasse ich Sie Genaueres wissen.

In der Zwischenzeit bleibt meine wichtigste Wortschatzquelle die türkische Kiezbäckerei ums Eck. Neulich wurde ich dort Zeuge des folgenden Gesprächs, geführt zwischen der Bäckerin (Einwandererkind der zweiten Generation) und einem Gast (Kreuzberger der schätzungsweise zweiundvierzigsten Generation).

„Flipper fand ick imma interessanta wie Lassie. Hunde hatten wa selba zuhause, Delfine jab’ et nur im Fernsehen.“

„Aber Lassie ging viel mehr ans Herz! Bei Lassie musste ich immer weinen, bei Flipper nicht.“

„Kennste ooch den Pantha?“

„Den rosaroten? Klar!“

„Bonanza ooch?“

„Deng-dengedeng-dengedeng-dengedeng, Bonaaanzaaa!“

So ging das eine ganze Weile weiter. Während der Gast und die Bäckerin komplette Dialogsequenzen synchronisierter Vorabendserien austauschten, hörte ich schweigend zu, unsinnig erstaunt darüber, dass sich eine türkischstämmige Bäckerin besser im deutschen Fernsehprogramm auskennt als ich.

„Schade, dass ihr Kemal Sunal nicht kennt“, sagte schließlich die Bäckerin. Der Kreuzberger und ich sahen uns ratlos an. Kemal Sunal, klärte uns die Bäckerin auf, sei der Fernsehschwarm ihrer Jugend gewesen, ein türkischer Schauspieler, der mit einer Filmreihe namens „Hababam sinifi“ berühmt geworden sei, „Die chaotische Klasse“. Aus den Schilderungen reimte ich mir zusammen, dass „Hababam sinifi“ so etwas wie das türkische Pendant zu „Die Lümmel von der ersten Bank“ sein muss, und Kemal Sunal so etwas wie der türkische Pepe Paukerschreck.

„Ein wunderschöner Mann!“, seufzte die Bäckerin, die ihren Helden nie im Fernsehen hatte erleben können, im deutschen Programm liefen ja keine türkischen Serien. Stattdessen war ihre Familie jeden Sonntag geschlossen ins Kino gegangen, in die Schöneberger Kaiser-Wilhelm-Passage, wo in der Prä-Video-Ära türkische Filme gezeigt wurden. „Es liefen immer zwei nacheinander“, erinnerte sich die Bäckerin. „Erst ein trauriger, dann ein lustiger. Zwei Stunden haben wir geweint, zwei Stunden gelacht, jeden Sonntagnachmittag.“

Sie erzählte dann noch ein paar berühmte Filmszenen mit Kemal Sunal nach. Bei den meisten musste sie so sehr lachen, dass der Witz auf der Strecke blieb. Sie hörte erst auf zu lachen, als sie uns den traurigen Witz erzählte, mit dem Kemal Sunals Leben endete. Der Schauspieler litt unter panischer Flugangst, zu Dreharbeiten fuhr er immer nur mit dem Bus, quer durch die ganze Türkei. Als er 65 war, ließ er sich von seinem Sohn überreden, erstmals ein Flugzeug zu besteigen. Aus lauter Angst vor einem Absturz bekam er kurz vor dem Start einen Herzinfarkt, er starb an Bord. Das ganze Land trauerte um ihn.

Der Kreuzberger und ich verließen die Bäckerei am Ende beide mit dem Gefühl, in unserer Fernsehsozialisation etwas verpasst zu haben. Ich würde wirklich gerne einmal einen Film mit Kemal Sunal sehen. Ein Grund mehr, Türkisch zu lernen.

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