Kolumne: Jens Mühling lernt Türkisch : Gehen oder bleiben

Meine Bäckereifachverkäuferin heißt Selda. Ich weiß nicht genau, ob Bäckereifachverkäuferin die korrekte Berufsbezeichnung ist, sicher weiß ich nur, dass Selda Selda heißt. Aber das weiß in meiner Kreuzberger Straße so ziemlich jeder.

Jens Mühling
Jens Mühling.
Jens Mühling.Foto: Mike Wolff

„Merhaba“, sage ich, wenn ich den Laden betrete.

„Merhaba“, antwortet Selda.

Wenn ich den Laden verlasse, sage ich: „Allaha ismarladik.“

Und Selda antwortet: „Güle güle.“

Seldas Bäckerei ist eine dieser typischen Berliner Multifunktionsgeschichten, wo man nicht nur Brötchen kaufen kann, sondern auch Gauloises, die „TV Spielfilm“, Nutella, Kümmerling-Fläschchen, Frischkäse, die „Hürriyet“, Cola, abgepackte Knoblauchwurst, Becks, Zigarettenblättchen, die „BZ“, Katzenfutter und Streichhölzer. Wenn man nett fragt, bekommt man bei Selda sonntags auch mal eine Notfalltasse Mehl aus dem Privatbestand. Im Verkaufsraum steht eine Eistruhe, daneben ein winziger Tisch, an den im Winter viereinhalb Kaffeetrinker passen. Im Sommer ist auf den Bänken draußen vor der Tür etwas mehr Platz. Die Brötchen sind nicht schlecht, der Kaffee in Ordnung, das Ambiente ganz gut. Im Grunde unterscheidet den Laden wenig von den anderen Backstuben-Kiosk-Café-Spätis in meiner Straße. Wenig außer Selda.

Selda redet gerne. Wer zweimal in ihrem Laden war, kommt ohne Gespräch nicht wieder raus. „Lange nicht gesehen!“, sagt Selda oft, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie diesen Satz manchmal auch zu Kunden sagt, die sie zum ersten Mal sieht.

Sie hat das ansteckendste Lachen der Welt. Es kriecht einem unters Zwerchfell wie ein hoch infektiöser Supervirus. Die geheimnisvolle Epidemiewelle, gegen die Dustin Hoffman in „Outbreak“ kämpft, ist im Vergleich mit Seldas Lachen ein alberner Schnupfen.

Manchmal kommt ein kleiner Hund am Laden vorbeigelaufen, den Selda liebevoll „Pissnelke“ nennt. Sie spricht das so zärtlich aus, dass inzwischen die halbe Straße den Hund „Pissnelke“ nennt.

Selda spricht gerne über Politik. Sie mag Verschwörungstheorien. Das World Trade Center hat die CIA gesprengt, hinter den Hochhausexplosionen in Russland steckt der FSB. Orhan Pamuk hat den Nobelpreis bekommen, weil der Westen den Türken eins auswischen wollte. Dass Orhan Pamuk seinen verdienten Nobelpreis erst so spät bekommen hat, liegt allerdings ebenfalls daran, dass der Westen den Türken eins auswischen wollte. Manche Gäste wiegen zweifelnd die Köpfe, andere nicken zustimmend. Könnt’ wat dran sein, meinen die einen. Gloob ick nich, sagen andere. Selda polarisiert.

Selda hat sechs Schwestern. Alle wurden zu einer Zeit geboren, als Migranten in Deutschland noch Gastarbeiter hießen, weil man glaubte, sie würden unsere Arbeitsgastfreundschaft nur vorübergehend in Anspruch nehmen, um anschließend dankbar nach Hause zu migrieren. Seldas Mutter, die sich von einer nordrhein-westfälischen Schokoladenfabrik anwerben ließ, glaubte das auch lange. Ihre sechs Töchter setzte sie sozusagen auf der Durchreise in die Welt, nicht ahnend, dass sie bleiben würden – und dass eine von ihnen in Kreuzberg eines Tages fester verwurzelt sein würde als die meisten Bewohner ihrer Straße, mich eingeschlossen.

Im Türkischen gibt es zwei verschiedene Ausdrücke, mit denen man sich verabschieden kann. Welchen man verwendet, hängt vom Migrationsstandpunkt ab.

„Allaha ismarladik“, sagt der, der geht.

„Güle güle“, sagt der, der bleibt.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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