Kolumne: Jens Mühling will ein besserer Mensch werden : Lernen von Ra-ra-Rasputin

Doktor Knjaskin hatte nicht zu viel versprochen.

Jens Mühling
Foto: Mike Wolff

Im Keller des Sankt Petersburger Prostatazentrums wartete eine Sensation auf mich. Ungläubig sah ich zu, wie der Chefarzt eine Vitrine öffnete und ihr ein Einweckglas entnahm, dessen Inhalt meinen Atem stocken ließ. Doktor Knjaskin, dem meine Aufregung nicht entging, flüsterte verschwörerisch: „Was Sie hier sehen, hat den Gang der russischen Geschichte nachhaltiger beeinflusst als die Erstürmung des Winterpalasts.“

Ich schluckte. „Irgendwelche medizinischen Besonderheiten?“, fragte ich. Knjaskin lächelte. „Es ist ein auffällig großes Organ, 24 Zentimeter im Ruhezustand.“

Einen Moment lang starrten wir beide schweigend auf das Glasgefäß. Vor unseren Augen schwamm, eingelegt in Formaldehyd: das konservierte Geschlechtsorgan von Grigorij Jefimowitsch Rasputin.

Während Doktor Knjaskin zu referieren begann, versuchte ich, einen Ohrwurm loszuwerden: Ra-Ra-Rasputin, sangen Boney M. in meinem Kopf. Ra-Ra-Rasputin, Russia’s greatest love machine!

Schon zu Lebzeiten, berichtete der Chefarzt, seien Rasputins Qualitäten als Liebhaber legendär gewesen: Zeit- und Bettgenossinnen raunten von orgasmischen Ohnmachtsanfällen, von koitaler Bewusstseinserweiterung. „Rasputin war der russische Freud“, sagte Knjaskin. „Er wusste Dinge über die weibliche Sexualität, die andere nicht wussten.“ Als der umschwärmte Prediger 1916 von einer Gruppe russischer Aristokraten vergiftet, dann erschossen, anschließend ertränkt und zu guter Letzt verbrannt wurde, begründeten die Mörder ihre Tat mit Rasputins Einfluss auf die Zarenfamilie. Eingeweihte glaubten jedoch an ein anderes Motiv: Penisneid.

Das Gerücht kursierte, Rasputin habe im Zuge seiner mannigfaltigen Todesqualen auch eine Kastration über sich ergehen lassen müssen. Wenig später, in den 20er Jahren, tauchten Berichte über einen Pariser Zirkel russischer Emigrantinnen auf, denen eine höchst unorthodoxe Rasputin-Reliquie als Fruchtbarkeitsfetisch diente. Die Tochter des Predigers, Matrjona Rasputina, ihrerseits in die USA ausgewandert und in einem kalifornischen Zirkus als Tigerdompteurin tätig, war wenig amüsiert über die frivolen Freuden ihrer Landesgenossinnen. Sie klagte das väterliche Gemächt ein und soll es bis zu ihrem Tod im Jahr 1977 verwahrt haben. Aus ihrem Nachlass wollte einige Jahre später ein Londoner Auktionshaus einen „Sensationsfund“ erworben haben – der jedoch noch vor der Versteigerung als vertrocknete Seegurke entlarvt wurde.

Vor einigen Jahren, berichtete Knjaskin weiter, sei schließlich ein französischer Antiquar an ihn herangetreten. Der Mann bot ihm eine kleine Holztruhe aus dem Nachlass der Rasputin-Tochter an. Knjaskin begutachtete den Inhalt, und nach zähen Preisverhandlungen einigte man sich auf 8 000 Dollar.

Ich sah Knjaskin an. „Und Sie sind sicher …?“ – „Bin ich nicht“, antwortete er. „Aber bisher habe ich keinen Gegenbeweis gefunden.“

Nachdenklich betrachtete ich den Glasbehälter. Ra-Ra-Rasputin … Russlands größte Liebesmaschine war der Nachwelt selbst im ewigen Ruhezustand noch 333 Dollar pro Zentimeter wert. Rasputins Mörder hingegen liegen vergessen in ihren Gräbern. Kein Hahn kräht nach ihnen.

Andererseits: Vielleicht ist es nicht das schlechteste Schicksal, vergessen im Grab zu liegen. Wer will schon als historische Kuriosität im Keller einer Prostata-Klinik posthumen Penisneid auf sich ziehen?

Doktor Knjaskin las meine Gedanken. „Wissen Sie“, sagte er in ärztlich-vertraulichem Tonfall, „als Mediziner kann ich Ihnen eins versichern: Größe ist nicht alles.“

Hier schreiben abwechselnd Christine Lemke-Matwey, Elena Senft, Moritz Rinke und Jens Mühling.

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