Kolumne : Madam Tussi

Von Spider

Sabina ruft an. Sie ist wieder mal in der Stadt. Gabba gabba hey, wieder in Berlin. Mit der ganzen Punker-Clique. Die sind ja alle geschlossen nach Düsseldorf umgezogen damals, von Berlin nach Düsseldorf, weil da ist mehr Punk los als in Berlin, wo kein Punk mehr los ist. Ich wollte ja auch mal Punk sein, bin dann aber Post-Easy-Listening-Elektro-Folk-Raver geworden. Um genau zu sein, höre ich volkstümliche Musik, um die potenziellen Schwiegermütter nicht zu verschrecken. Es hat aber trotzdem keine angebissen, keine Schwiegermutter, weshalb ich folgerichtig auch keine Frau habe. Schade eigentlich, aber irgendwie auch egal.

Sabina ruft an: „Ey, kommste mit zu Madam Tussi, Köppe abreißen?“

Das ist jetzt der fette Trend, Köpfe abreißen, seit mal irgendwo einer den Kopf von Hitler abgerissen hat. Jetzt hat der Trend sich bis Düsseldorf rumgesprochen. „Wat is, kommste nu mit zu Madam Tussi, Köppe abreißen?“

Natürlich komme ich. Ich freue mich riesig, die alte Clique wiederzusehen. Ich ziehe meinen schönsten Trachtenjanker an und setze mich auf mein Fahrrad. Als ich bei Madam Tussi ankomme, gibt es zur Begrüßung lauwarmes Bier aus Düsseldorf. Einen riesigen Rucksack als Vorrat haben sie dabei, und zwar jeder aus der Clique. Jeder hat solch einen Rucksack. Auf der Rückfahrt wollen sie Berliner Bier mitnehmen. Und Berliner Zigaretten. Aus Nostalgie. Und Likör.

Die Warteschlange ist nicht sehr lang. Die Punker sind ganz aufgeregt. Sie singen: „Ick reiß dir’n Kopp ab, ick reiß dir’n Kopp ab, ick reiß dir’n Kopp ab, Kopp ab, Kopp ab!“

Andi will sich den Kopf von Dieter Bohlen abreißen, Paula den von Erich Honecker. Steffi den von Steven Hawking und Töle den von Hitler, weil das der einzige Prominente ist, den er kennt. Wir versuchen vergeblich, Töle zu erklären, dass der Kopf von Hitler, wenn wir reinkommen, vielleicht schon wieder ab sein wird. Dann eben nicht. Matze ist auf den Kopf von Heino scharf und Fiete auf den von Helmut Kohl.

Endlich sind wir an der Reihe. Der Eintritt kostet 100 Euro. Ich zahle für alle. Wir werden noch kurz belehrt: „Jeder nur einen Kopf.“

Die Wachsfiguren bei Madam Tussi sehen ganz schön billig aus. Ein Kreuz aus Besenstielen, und Sachen von H & M drangehängt. Manche Besucher bringen auch Sachen von zu Hause mit und hängen diese dann an irgendwelche Prominenten. Hitler mit Push-up-BH. Aber es geht in der Hauptsache ums Köpfeabreißen. Andi reißt Dieter Bohlen den Kopf ab, Paula den von Erich Honecker. Steffi den von Steven Hawking, Matze den Kopf von Heino und Fiete den von Helmut Kohl.

Töle versucht einem anderen Besucher den Kopf abzureißen, weil der seiner Meinung nach aussieht wie Hitler. Ein Riesenskandal, und wir werden rausgeworfen. Draußen gibt es zur Beruhigung erst mal Bier aus dem Rucksack.

Diese Madam Tussi verdient ein Heidengeld mit ihrer Geschäftsidee: ein Wachsfigurenkabinett zum Köpfeabreißen. Das sind zwar nur billige Köpfe aus China, aber trotzdem ein tolles Souvenir. Teuer zwar, aber ein paar Touristen fallen immer darauf rein. Überall auf der Welt stehen Wachsköpfe auf Kaminsimsen, Wachsköpfe aus Berlin. Künstler, Politiker und sonstige Prominenz. Britney Spears und bin Laden. Stalin und Einstein. Köpfe aus Berlin sind heute das, was früher die selbst geklopften Mauerstückchen waren.

Demnächst eröffnen auch in anderen Städten Deutschlands Filialen von Madam Tussi. In Düsseldorf. Dann fahre ich mal dahin.

Spider liest regelmäßig bei den Surfpoeten und der Lesebühne „LSD – Liebe statt Drogen“. Hier vertritt er Esther Kogelboom, die Ferien macht.

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