KOLUMNE: Mein Garten EDEN : Das Geheimnis meiner Freundin

Meine Freundin Lenia hat eine wunderbare Eigenschaft: Sie hat eine Lieblingsblume. Das verschönt unsere Beziehung seit mehr als zwanzig Jahren.

Ursula Friedrich

Du weißt immer, was du ihr schenken kannst, zum Geburtstag, zu jeder anderen Gelegenheit – nämlich eine Gloxinie. Auf Botanisch Sinningia Speciosa, es gibt sie in Rosa, Rot, Weiß, getüpfelt. Wenn ich ihr so ein seltenes Exemplar wie eine weiße Gloxinie mit aus ihrem Inneren hervorbrechenden winzigen roten Tüpfelchen anbringe, fällt Lenia in Ohnmacht vor Begeisterung.

Gloxinien sind Zimmerpflanzen mit großen behaarten Blättern und Blüten in Glockenform. Man stellt sie am besten in Gruppen auf einen mittelhohen Tisch, empfiehlt der Pflanzendekorateur. Sie mögen Halbschatten. Aber meine persönlichen Erfahrungen mit allen Zimmerpflanzen haben gezeigt, dass sie sich ganz geduldig sämtlichen Lebensumständen anpassen. So blühen meine Orchideen unermüdlich am Südfenster, weil ich ihnen kein anderes zu bieten habe außer in der Toilette, und da gehören sie ja nun auch nicht hin.

Die Gloxinie liebt es mittelfeucht. Allerdings darf nie Feuchtigkeit zwischen den fleischigen Blättern stehen. Es bildet sich sonst Fäulnis, und keine Knospen wachsen mehr nach.

Die Gloxinie blüht treu ein paar Monate und verstummt danach wie das Parmaveilchen. Die meisten Leute werfen sie dann weg, erzählt mir Lenia voller Empörung. Sie selber lässt die Blätter einziehen und pflanzt die Knolle in sorgfältig gemischte Erde. Bei ihr kommt die ganze Pracht wieder. Sie hat inzwischen ein gutes Dutzend von der Sorte. Im Sommer stellt sie sie an geschützter Stelle an die Hauswand. Sie kann mit ihnen machen, was sie will. Nur hier und da stirbt eine. Ich nenne es Lenias Geheimnis.

Ein Ursulas Geheimnis gibt es nicht. Meine Lieblingsblumen im Zimmer sind Alpenveilchen. Sie kommen in so herrlichen Farben ins Blumengeschäft. Und die Zeichnungen und Formen ihrer Blätter! Sie blühen im Spätherbst und im Frühling – ohne Unterlass, wenn man ihnen nur lauwarmes Wasser im Untertopf gönnt. Von Übertöpfen sind sie nicht so begeistert, sie lieben es luftig. Was sie sonst noch lieben, ist mir bisher nicht bekannt. Noch nie ist es mir gelungen, eine Alpenveilchenknolle zu neuem Wachstum und neuer Blüte anzuregen. Wenn sie ausgeblüht hatten, war es vorbei.

Meine Sehnsucht sind sowieso Alpenveilchen im Garten. Ich habe sie mal in einem südfranzösischen Pfarrgarten erlebt: eine Frühlingswiese voll kleiner, dicht blühender, rosafarbener „Cyclamen persicum“. Sie wuchsen einfach so dahin, die Vögel pickten an ihnen rum, sie rochen ganz unglaublich, und mittendrin lag eine Katze. Das war Gottes Geheimnis. Ursula Friedrich

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