Kolumne: Meine Frau, ihr Garten und ich : Der Traum von der Hängematte

Meine Frau hat ein großes Herz. Da ist Platz für alle. Neulich zum Beispiel beim Frühstück, wir hörten den Wetterbericht und sie sagte: „Furchtbar, denk mal an die, die jetzt kein Zuhause haben!“ Und während ich noch an die dachte, war sie schon weiter. „Um Himmels Willen“, rief sie aus, als sie das Terrassenthermometer durchs Küchenfenster sah, „meine Pflanzen“.

Und dann ging sie raus und legte noch eine Noppenfolie über den Topf mit der Lavendelheide. Noch größer aber war ihre Sorge um Trachycarpus fortunei, die Hanfpalme. Und das hat eine Vorgeschichte.

Trachycarpus fortunei, jüngster Neuzugang in ihrer Sammlung, hat zwei Vorgängerinnen. Die erste hatte das Glück, sich in zwei milden Wintern prächtig zu entwickeln, bevor sie dann 2009/2010 jämmerlich erfror. Die nächste hatte keine Chance im noch kälteren dreimonatigen Dauerfrost im Jahr darauf – trotz Kokosmantel und filziger Pudelmütze. Ich deutete damals an, dass Trachycarpus fortunei ursprünglich aus Südostasien kommt, Probleme hierzulande also vorprogrammiert seien. Es half nichts.

Um Weihnachten herum blätterte meine Frau in ihrem neuen Buch „Englische Traumgärten“ und blieb schließlich bei Nummer 25 hängen, „The Jungle Garden“ in Norwich. Dort hat jemand einen Garten angelegt, mit Palmen, Bambus, Farn und Bananen, der ganz so aussieht, als könne man am Rand der Terrasse ohne großen Aufwand das Vietnamkriegsdrama „Apocalypse Now“ nachstellen. „Toll“, sagte meine Frau, die hartnäckig dem Traum nachhängt, irgendwann einmal eine Hängematte zwischen zwei Palmen aufhängen zu können. „Hm“, erwiderte ich und fügte hinzu, das Klima auf der Insel sei nun einmal viel milder, weshalb junge Engländerinnen schon im Februar im bauchfreien Tanktop durch den Hyde Park flanierten – was hierzulande doch niemand machen würde. Meine Frau guckte ein wenig komisch, sagte aber nichts.

Ein paar Tage später kam sie mit den Worten nach Haus, „guck mal, was ich in der Resterampe gefunden habe.“ Die Resterampe ist unser Ausdruck für die traurigste Ecke in der Gartenabteilung unseres nächstgelegenen Baumarktes, bestückt mit den Ladenhütern. Meine Frau hat schon allerlei von dort angeschleppt: Eine abgeknickte Amaryllis, die wie tot über den Topfrand hing, dafür aber sehr preiswert war. Oder die vertrocknete Glockenblume für zwei statt vier Euro, von der meine Frau felsenfest überzeugt ist, „die kommt wieder“. Nun also hatte sie dort eine Trachycarpus fortunei gefunden. „War extrem günstig“, behauptete sie, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren. Trachycarpus fortunei steht jetzt bei uns im Lichtschacht vor dem Kellerfenster, neben dem Oleander und dem Olivenbaum und wartet auf den Frühling.

Ich versteh das nicht, eine Hängematte könnte man doch auch zwischen zwei Kiefern aufhängen.Andreas Austilat

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