Kolumne: Meine Frau, ihr GARTEN… und ich : Unsere traurige Trauerbirke

Mein Freund ist krank. Mein Freund, die Birke.

Mag ja sein, dass dies hier eigentlich zu allererst der Garten meiner Frau ist, die Birke aber, hinten gleich neben dem Schuppen, die war immer meine. Manchmal bilde ich mir schon ein, ich hätte sie gepflanzt. Stimmt zwar nicht, aber was tut das jetzt noch zur Sache, wo es vielleicht demnächst mit ihr zu Ende geht. Dabei weiß ich gar nicht so genau, was ihr Problem ist. Ich weiß nur eins: Jetzt ist noch nicht mal Mitte September, und sie hat schon so gut wie gar kein Blatt mehr am Leib. Das ist ein ganz schlechtes Zeichen.

Dabei sind Birken doch eigentlich ziemlich zäh. Ich habe sie schon in Dachrinnen siedeln sehen, in verlassenen russischen Kasernen und zwischen den Schottersteinen toter Gleise. Birken sind Pioniere, heißt es. Wenn der Mensch geht, dann sind sie die ersten, die die neue Nische nutzen. Die anderen Bäume können erst in ihrem Schatten gedeihen, bis sie die Birke schließlich überflügeln. Ganz schön gemein.

Birken haben so etwas Lichtes, mit ihren weiß-gefleckten Stämmen. Und ihr Maiengrün ist besonders zart. Meine Birke ist übrigens eine Youngii, eine Trauerbirke mit hängenden Zweigen. Irgendwie stimmt mich das noch melancholischer.

Ich habe einen Experten angerufen, Thorsten Laute vom Berliner Botanischen Garten, und ihn gefragt, ob dies vielleicht einfach nur ein schlechtes Birkenjahr war. Kann schon sein, hat er gesagt, feuchter und kühler Mai, darauf die Hitze und die Trockenheit, dann wieder feucht und kühl. Er habe in diesem Jahr schon viele Birken mit Problemen gesehen. Könnte aber auch was Ernsteres sein, ein Hallimasch zum Beispiel, auch als Kambium-Killer bekannt. Kambium, das ist die Wachstumsschicht unter der Rinde. Es gibt jedenfalls Hallimasch-Arten, die sind auf Birken spezialisiert. „Und was macht man dagegen?“, habe ich ihn gefragt. „Den Baum roden und den Boden austauschen.“ Beim Hallimasch gebe es eigentlich nur einen Trost: Dass man diesen Pilz auch essen kann. Du liebe Zeit.

Vielleicht hat sie auch einfach nur Stress gehabt. Wir haben den Schuppen ziemlich dicht neben ihr errichtet, davor noch einen kleinen Platz gepflastert. Vielleicht ist ihr das alles zu eng geworden. Einmal habe ich dicht unter dem Rasen eine ziemlich dicke Wurzel gefunden, die ich nicht zuordnen konnte. Ich hab sie einfach rausgerissen, weil ich dachte, sie gehört irgendwo anders hin. Dicht unter dem Rasen! Birken sind Flachwurzler. Um Himmels Willen, vielleicht habe ich sie umgebracht.

Unsere rückwärtige Nachbarin ist übrigens schwer allergisch gegen Birkenpollen. Im Frühjahr hat sie immer ziemlich böse geguckt. Wenn es jetzt wirklich schlimm kommt, wird unser Verhältnis bestimmt besser. Aber ich weiß nicht, ob mich das tröstet.

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