Kolumne: Meine Frau, ihr Garten... und ich : Wie uns mal eine Thuja zulief

Wahrscheinlich ist sie ein Sonnenauge.

Andreas Austilat

Wahrscheinlich ist sie ein Sonnenauge. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber die Beschreibung im Kosmos-Kompakt-Gartenlexikon in der Rubrik Sonnenauge passt auf die Pflanze, die da in unserem Vorgarten steht: gelbe Blütenblätter, wächst in Gruppen und ist pflegeleicht.

Genaueres weiß ich leider nicht, denn Sonnenauges Herkunft liegt im Dunkeln. Sagen wir mal, sie ist adoptiert. Jedenfalls hat meine Frau sie eines Abends von einem Spaziergang mitgebracht und behauptet, sie an einer Laterne gefunden zu haben. Sonnenauge sei dort gewissermaßen ausgewildert worden, und weil sie so hübsch aussah, hat meine Frau einfach ein paar Stängel mitgenommen.

Die vermehren sich in unserem Vorgarten wie verrückt. Für meinen Geschmack ist die gelbe Blüte schon ein wenig zu dominant. Man könnte sogar sagen, sie wächst wie Unkraut. Aber was soll man machen. Meine Frau hat einfach ein großes Herz für Pflanzen. Sonnenauge ist ja nicht die einzige, die uns zugelaufen ist.

Der erste Kandidat war ein verstoßener Weihnachtsbaum, so ein kleiner im Topf. Der stand am Straßenrand, da hat sie ihn mitgenommen. Drei Jahre hat er bei uns noch gehabt, dann ist er eingegangen, der kleine Kerl. Ich glaube, es war meine Schuld. Meine Frau hätte ihn ja bei uns eingepflanzt. Aber dagegen habe ich mich gewehrt, ich wollte keine Tanne im Garten. Immerhin, er hatte doch noch eine schöne Zeit bei uns.

Der nächste war eine Thuja. Die lehnte mit ihrem Ballen an einem Zaun. Zwei Tage ist meine Frau um sie rumgeschlichen, dann hat sie auch die Thuja eingepackt. Sie hat ihr sogar noch drei Freundinnen dazugekauft, heute stehen die vier bei uns als Minihecke.

Dann kam die Zuckerhutfichte, auch ein Weihnachtsopfer, das jemand nach den Festtagen einfach vor die Tür gesetzt hatte. Die Zuckerhutfichte hält sich noch ganz gut, obwohl sie wie die Tanne nie aus ihrem Topf rausgekommen ist. Leider kriegt sie nur von einer Seite Sonne, auf der anderen ist sie schon ganz braun. Sie müsste unbedingt mal gedreht werden.

Ich habe auch mal was gefunden: ein Stück Rollrasen. Der muss vom Laster gefallen sein. Jedenfalls lag er auf der Straße, und da hätte er es bestimmt nicht lange gemacht. Gewissermaßen habe ich ihn also gerettet. Und weil unser Rasen ziemlich schlimm aussah, war der Findling sehr willkommen.

Leider waren es dann ausgerollt nur zwei Quadratmeter. Und die sind nichts geworden. Toll, dachte ich zuerst, Dankbarkeit sieht anders aus. Aber vielleicht war der Rasen irgendwie traumatisiert. Es heißt doch immer, Pflanzen haben auch eine Seele. Daran sollte man denken, bevor man einen Baum einfach aussetzt. Andreas Austilat

„Der Garten“ erscheint im Wechsel mit der neuen Kolumne „Unter Heimwerkern“

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