Kolumne: Moritz Rinke : Kleiner Zapfenstreich für große Frau

Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart. Diesmal: Verspätete Glückwünsche zum Internationalen Frauentag

Leider konnte diese Kolumne nicht am Frauentag erscheinen, es war kein Sonntag, dafür war wieder einmal Großer Zapfenstreich. Ich weiß nicht, ob andere Länder auch Zapfenstreiche haben, aber unsere Politiker wären darin bestimmt Weltmeister: Schnelle Karriere, blöde Affäre, Großer Zapfenstreich, so läuft das heute. Mitten in das Kommando „Helm ab zum Gebet!“ rief meine Mutter an.

„Stell’ dir vor, im Fernsehen ist überall Zapfenstreich! Dabei ist heute Frauentag!“

„Ich weiß“, sagte ich, „jetzt setzen sie den Helm ab und dann kommt die Choralstrophe ,Ich bete an die Macht der Liebe’.“

„Unverschämtheit“, sagte sie. „Ich hatte eine Sondersendung zur Lage der Frauen erwartet, aber nicht dieses Tschingderassabum.“

„Das ist kein Tschingderassabum“, erklärte ich. „Tschingderassabum machen eher die Politiker, und wenn’s auffliegt, gibt’s Zapfenstreich, das bedeutet Nachtruhe oder Schließen der Zapfhähne. Meine Interpretation moderner Politik ist die KAZ-Formel: Karriere, Affäre, Zapfenstreich.“

„Weißt du eigentlich, dass du im Geiste der Frauenbewegung erzogen worden bist?“, fragte sie. „Es betrübt mich, dass du dir Zapfenstreiche ansiehst. Eine Veranstaltung von Männern für Männer im Namen des Volkes!“

Meine Mutter ist so eine Art Generalstochter, denn wenn es nach ihrem Vater gegangen wäre, hätte es jeden Tag Großen Zapfenstreich gegeben, und so gesehen bekämpfte sie den väterlichen Geist mit der Frauenbewegung. Sie wollte Schauspielerin werden; sie war schon auf der Schauspielschule angenommen, aber da hatte sie ihr Vater rausgeholt. Leichtathletin sollte sie werden und für das Vaterland Goldmedaillen erringen, aber dann kam ich, und sie holte ihre Karriere nach, indem sie mir ab der Stillphase alle maßgeblichen Frauenrollen der Welttheaterliteratur vorspielte.

Ich kannte die Penthesilea schon, bevor ich 1 wurde, ebenso die Antigone, Lady Macbeth, Medea, auch die Julia, und mit den Jahren kamen Phädra, Elektra und Brunhilde dazu – bis hin zur „Katze auf dem heißen Blechdach“. Rezitierten wir in der Schule Schillers „Glocke“ oder harmlose Morgenstern-Gedichte, gab es die gewichtigen Frauendramen bei der Hausarbeit, die ich mit ihr zu verrichten hatte. Ich lernte zu nähen, zu backen, Putzmittel zu unterscheiden, während meine Mutter mir das gesamte Spektrum weiblicher Affekte von Alkestis bis „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ herunterrezitierte.

Einen besseren Zugang zur Frauenbewegung konnte man gar nicht bekommen. Meine Mutter war keine vordergründige Aktivistin, wie manche Mütter meiner Kameraden, die ihren Ehemännern die Hausarbeit von einem Tag auf den anderen vor die Füße knallten, sondern sie war eine hintergründige Kämpferin; sie liebte es, die verschlungensten Wege der weiblichen Seele zu erkunden und auf diese auch gleich ihren Sohn mitzunehmen. Mussten meine Kameraden die Hausarbeit mit ihren Vätern komplett übernehmen, stand ich in der Küche, trocknete die Teller und war dabei auf einem Balkon in Verona oder hochthronend auf einem Eisberg in Island unter lauter Amazonen.

„Weißt du?“, sagte ich, „ich schreibe meine Kolumne nicht über den Zapfenstreich, da warte ich lieber auf Gauck, sondern diesmal schreibe ich ausnahmsweise über dich!“

„Über mich? Über deine Mutter?“, fragte sie leise.

„Ja! Und auch stellvertretend für alle tollen Mütter, die den Tagesspiegel lesen.“

Aus meinem Telefonhörer klang die Nationalhymne zum Abschluss des Großen Zapfenstreichs. Sie sagte nichts, aber ich spürte ihre Vorfreude.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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