Kolumne: Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Grabowski statt Grass!

Vor ein paar Tagen traf ich in Ankara einen türkischen Autor und Übersetzer; hochintelligent, sehr erfolgreich, zudem ein ausgewiesener Hypochonder. Nie hat er in seinem Leben das Angebot bedeutender Auslandsstipendien oder Lesungen angenommen, weil er davon ausgeht, sich im Ausland zu vergiften, abgesehen von der Tatsache, dass er nie in ein Flugzeug steigen würde. Er treibt natürlich auch keinen Sport, verlässt kaum das Haus und meidet überhaupt die Öffentlichkeit; besonders die Begegnung mit der Presse hält er für glatten Selbstmord.

Sein Telefon klingelte, er nahm ab, sagte nur „Suriye? Hayir!“ und legte auf. „Zu Syrien äußere ich mich nicht, zu gefährlich“, erklärte er mir. Dann klingelte mein Telefon, Anruf aus Deutschland, ob ich mich zur Günter-Grass-Debatte äußern wolle. „Grass? Um Gottes willen!“, antwortete ich. „Da wäre doch jede Differenzierung glatter Selbstmord! Auf Wiederhören!“

„Etwas Schlimmes?“, erkundigte er sich.

„Ja. Eine deutsche Debatte“, erklärte ich, ich war wirklich froh, dass gerade dieser blasse, lebensvorsichtige Autor neben mir saß.

„Aber ist es nicht noch gefährlicher“, fragte ich, „ausgerechnet in der Türkei unter der AKP-Regierung von Erdogan diesen Beruf auszuüben und dann auch noch als Hypochonder?“

Er sah mich nachdenklich, fast erschrocken an, dann klingelte wieder sein Telefon. „Güzel! Güzel! Güzel!“, rief er. Ich dachte, er solle sich jetzt auch zur Günter-Grass-Debatte äußern, aber er war gar nicht mehr blass, sondern strahlte. Er legte auf und erklärte, er sei soeben berufen worden.

„Herzlichen Glückwunsch, zum Professor?“

„In die türkische Nationalmannschaft der Autoren!“, er sah mich dabei nun feierlich an.

„Fußball?“, fragte ich.

Er: „Probetraining in Istanbul!“.

Fünf Minuten später ließ er sich verblüffenderweise über den Verlag einen Flug buchen und ging aufgeregt wie ein Kind mit mir Fußballschuhe kaufen, obwohl wir uns getroffen hatten, um eine Übersetzung durchzusprechen.

„Zidane hatte goldene Schuhe. Vielleicht nehme ich goldene?“, sagte er.

„Ribéry spielt manchmal mit pinken“, sagte ich.

„Drogba und Ronaldo spielen mit dem Superfly II, den gibt's in allen Farben“, sagte der Verkäufer.

Am Nachmittag nahm er im Atatürk-Park das Lauftraining mit den Superfly-II-Schuhen auf, ein einfacher Noppenschuh hätte es meiner Meinung nach auch getan. Ich lief ein bisschen mit, schließlich muss man den Atatürk-Park gesehen haben, mehr gibt es ja in Ankara nicht.

Wie wundervoll durchblutet der türkische Autor plötzlich war! Manchmal rief er Namen während des Laufens. „Köppel!“ zum Beispiel oder „Schwarzenbeck!, Heynckes!, Netzer!“, er kannte die gesamte deutsche Mannschaft von 1972, die in Belgien Europameister wurde, besonders den Namen „Grabowski!“ rief er mehrere Male durch den Atatürk-Park.

Kein Wort über meine Übersetzung, kein Wort mehr zu Grass, Erdogan oder Syrien. Für mich begann schon an diesem Tag die kommende, herrliche, so erholsame und uns wieder zu großen Kindern machende Fußballzeit. Champions-League-Finale, die Europameisterschaft und natürlich das Probetraining in Istanbul. Dem Vernehmen nach lief mein türkischer Übersetzer auch zehnmal um das riesige, beleuchtete Atatürk-Mausoleum bis tief in die Nacht.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling. Von unserem Autor Rinke ist soeben „Also sprach Metzelder zu Mertesacker – Lauter Liebeserklärungen an den Fußball“ (Kiwi) erschienen.

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