Kolumne: Moritz Rinke sammelt Erinnerungen an die Gegenwart : Wo Dieter Kosslick und ich ausspannen

Dies ist eine kleine Hymne auf meinen Ferienkollegen Dieter Kosslick.

Ich komme gerade aus dem Centro de Terapia Antroposófica auf Lanzarote zur Berlinale, Kosslick wird nach der Berlinale sofort ins Centro de Terapia Antroposófica reisen, Apartment 46.

Doch vorerst auf den roten Teppich, Berlinale-Eröffnung: Dieter Kosslick umarmt die Coen-Brothers, dann Jeff Bridges, ein Arm vom Kosslick liegt auch um Josh Brolin. Von hinten wird Kosslick von Nicolette Krebitz umarmt, obwohl sich Kosslick nach vorne hin gerade für Isabella Rossellini öffnet, während dahinter bereits Iris Berben zur Umarmung bereitsteht. Bei der 228. Umarmung (Alexandra Kamp!) und während ihm irgendjemand im Geklicke der Fotografen zuschreit, wie furchtbar es sei, dass Eichinger tot ist, denkt Kosslick vielleicht schon an morgen: Harry Belafonte! Kevin Spacey! Zachary Quinto, Diane Kruger, Vanessa Redgrave … Bald kommt dann MADONNA und wird bestimmt in der Umarmung Kosslick fragen: „Dieter, where is my spezial EVIAN-WATER in Soho-House?!“, sie hatte, so stelle ich mir vor, 500 Flaschen bestellt; immerhin noch einfacher, könnte Kosslick denken, als für Diane Lane die Alte Nationalgalerie absperren zu lassen („I have to see a picture from Carl Blechen alone!“); Richard Gere mit seinen Rektalhamstern („To put a hamster in his bum“) – zwölf Tage also Umarmungen von Menschen, von denen man nicht die geringste Ahnung hat, wie sie wirklich leben; in jeder Umarmung vielleicht sogar ein Silikongefühl, ein Gefühl von Unwirklichkeit, von gelifteter Lebensflucht. Ja, eine irreale Welt, ein Wahnsinn.

Das Apartment Studio 46 also, auf Lanzarote. Kosslick begibt sich gleich nach der Berlinale unter Menschen in von Passatwinden wehenden Gewändern, die statt zum Cinema-for-Peace-Dinner zum Astronomiekurs gehen („Die Apokalypse des Johannes“), zum Malen mit Aquarellfarben, zur Heileurythmie oder im biologisch-dynamischen Laden mit einer sagenhaften Entrücktheit am weltlichen Zahlungsverkehr scheitern. (Ich habe sofort ein schlechtes Gewissen als Waldorfschüler, aber jeder der geduldigen Mitarbeiter des Centro Antroposófica müsste zugeben, dass man manchmal zusammenbricht vor so viel Sonderlichkeit!) Beim Frühstück in einem Raum mit organischer Architektur würde Kosslick niemals die Krebitz in den Sinn kommen oder die Legende von den Rektalhamstern. Auch würde nie jemand wie auf dem roten Teppich über Tote sprechen, sondern hier geht es um „individuelles Karma“ oder die „Metamorphose des Astralleibes“.

Einmal habe ich den Regisseur Max Färberböck nach seinen Dreharbeiten zu dem Vergewaltigungsdrama „Anonyma“ das Studio 46 empfohlen. Er schrieb mir eine SMS: „Bist du wahnsinnig??! Mich von einem Extrem ins nächste zu jagen?!? Ich komme gerade aus dem Seminar: IN DER STUMMEN STILLE ABER REIFT!!!“ Ich schrieb zurück: „Max, das ist ja der Trick, den wendet Kosslick auch immer an!!“

Der Trick ist, dass man den einen Wahnsinn vom anderen Ende her mit der gegenteiligen Entrücktheit kuriert, so als kompensiere die eine Überdosis die andere. Günter Wallraff, der einmal bei mir auf der Terrasse von Studio 46 saß, kann das bestätigen. Gerald Uhlig, Gründer des Café Einstein Unter den Linden, ist ebenfalls Eingeweihter: „Nur hier kann ich Guido Westerwelle oder Horst Seehofer vergessen.“ Es sei verrückt, aber es funktioniere.

Was dann auch noch hilft sind die speziellen Vulkanerde-Einreibungen, die wir vom Club 46 alle machen. Ich meinte es sogar von Kosslicks Lippen gelesen zu haben, als er jetzt am Wochenende Walter Momper umarmte: VULKANERDE …

An dieser Stelle wechseln sich ab: Christine Lemke-Matwey, Jens Mühling, Elena Senft und Moritz Rinke.

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