Kolumne: Ohne Rezept : Hypochonder im Internet

Dr. Wewetzer hat Urlaub. Unser Medizinautor vertritt ihn

Björn Rosen

Neulich unterhielt ich mich mit einem Freund, der schwerer Hypochonder ist. Er riet mir, die Finger vom Internet zu lassen. „Was denn, wegen des Elektrosmogs?“, fragte ich augenrollend. Na ja, deswegen vielleicht auch, sagte er – und erzählte dann, wie er mal ein quälend langes Wochenende der festen Überzeugung gewesen war, an Diabetes erkrankt zu sein.

Es begann damit, dass eine Erkältung kam und nicht mehr ging, was ihn natürlich ziemlich verunsicherte. Er recherchierte im Netz und fand, irgendwie, die Symptome der Zuckerkrankheit: Infektanfälligkeit, starker Durst, Heißhunger, Mattigkeit, vermehrtes Wasserlassen, Sehstörungen. Oh Gott, dachte er, genau darunter leide ich! Fühle ich mich nicht schlapp, stürze ich mich nach der Arbeit nicht sofort auf den Kühlschrank? Gut, streng genommen war das nichts Neues. Und seine Augen waren eigentlich auch in Ordnung. Trotzdem wäre er am liebsten gleich zum Arzt. „Aber es war Feiertag, ein Freitag dazu, so dass ich drei Tage warten musste, bis ich Gewissheit hatte.“ Der Arzt stellte dann fest, dass er kerngesund war. Dabei hatte mein Freund sich online sogar schon damit vertraut gemacht, wie man Insulin spritzt.

Wenn der „Pschyrembel“ – das traditionsreiche medizinische Nachschlagewerk – die eher harmlose Einstiegsdroge für Hypochonder war, dann ist das Internet irgendwas zwischen Heroin und LSD: hochgradig süchtigmachend und gefährlich. Allein zu „Kopfschmerzen“ zeigt Google 2,2 Millionen Treffer – da ist für jeden was dabei. Das Krankheitsbild hat auch schon einen Namen: Cyberchondrie.

Aber das Netz verändert nicht nur das Leben eingebildeter Kranker. Laut der Studie einer privaten Krankenversicherung, die in diesen Tagen veröffentlicht wurde, informieren sich 55 Prozent der Deutschen regelmäßig online über Gesundheitsfragen. Keine schlechte Entwicklung. Denn die Patienten können so besser nachfragen, wenn sie einen Ratschlag des Arztes nicht verstehen.

Zumal auf die großen Gesundheitsportale im Netz offenbar Verlass ist. Drei von ihnen – GesundheitPro.de, Netdoktor.de und Vitanet.de – schnitten kürzlich in einer Untersuchung der Stiftung Warentest am besten ab. Sie bekamen die Note „gut“. Und auch für die anderen neun getesteten Portale stellte die Studie fest: „Sachliche Fehler sind selten.“ (Mehr in der Zeitschrift „test“, 6/09)

Trotzdem sollte man bei Internetinhalten immer skeptisch sein. Das zeigt auch eine aktuelle Untersuchung der Charité. Marc Nocon und Falk Müller-Riemenschneider vom Institut für Sozialmedizin haben sich die Internetseiten zum Thema Sodbrennen, die sich bei den größten Suchmaschinen unter den ersten zehn Treffern finden, genauer angeschaut. Fazit: Dort werden oft Tipps gegeben, für die es medizinisch wenige oder überhaupt keine Beweise gibt, zum Beispiel den, sich fettreduziert zu ernähren.

Problematisch ist insofern, dass rund 70 Prozent der Deutschen sagen, sie würden „nur im absoluten Notfall“ zum Arzt gehen, was bedeuten dürfte, dass sich viele auf Ratschläge aus dem Netz und auf Eigendiagnosen verlassen – und die können, siehe Diabetes, leicht danebengehen. Mein hypochondrischer Freund glaubte übrigens auch mal, mithilfe des Netzes einen Tumor diagnostiziert zu haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

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