Kolumne : Prostatakrebs vorbeugen

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Ein Medikament gegen Glatze und Geschwulst.

Hartmut Wewetzer
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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Prostatakrebs ist der häufigste bösartige Tumor beim Mann. Jeder vierte Krebs entsteht in der Vorsteherdrüse, jede zehnte tödliche Krebserkrankung geht auf die Prostata zurück. Jetzt haben erstmals amerikanische Experten ein Medikament zur Vorbeugung gegen Prostatakrebs empfohlen. Oder sagen wir es vorsichtiger: Sie raten gesunden Männern, die regelmäßig an der Prostatakrebs-Früherkennung teilnehmen, die Einnahme in Erwägung zu ziehen. Die Fachleute, dass sind in diesem Fall die renommierte Gesellschaft für klinische Krebsmedizin und die amerikanische Urologen-Gesellschaft. Der Wirkstoff, um den es geht, heißt Finasterid.

Das Mittel greift in den Stoffwechsel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron ein. Es wird bereits mit gutem Erfolg bei der gutartigen Prostatawucherung eingesetzt und lässt die Drüse wieder ein gutes Stück schrumpfen. Auch gegen die männliche Glatzenbildung wird es verschrieben (Falls es Sie interessiert: Ich nehme es nicht – jenseits der 45 hilft es Kahlköpfen kaum noch!).

Vor gut fünf Jahren wurden die ersten Ergebnisse der Aufsehen erregenden amerikanischen „PCPT“-Studie mit Finasterid veröffentlicht. Sie zeigte, dass Männer, die das Medikament täglich über sieben Jahre nehmen, zu 25 Prozent seltener an Prostatakrebs erkranken. 17 Männer müssen Finasterid nehmen, damit einer von ihnen einen Nutzen hat, also nicht an Prostatakrebs erkrankt. Aber die Studie hatte auch eine Schattenseite. Denn es hatte den Anschein, als ob besonders aggressive Prostatatumoren unter Finasterid-Einnahme nicht seltener, sondern sogar häufiger wucherten.

Dieser schwerwiegende Einwand dämpfte die Hoffnung auf eine Krebs-Vorbeugung mit dem Mittel. Aber er ist heute durch weitere Analysen weitgehend, wenn auch nicht völlig entkräftet. Und das ist auch der Grund, weshalb US-Urologen nun die Finasterid-Einnahme befürworten.

Wer das Mittel nimmt, muss allerdings wissen, dass es Prostatakrebs nicht aus der Welt schafft, sondern nur das statistische Risiko verringert. Eine Garantie, nicht an Krebs zu erkranken, gibt es nicht. Auch ist nicht geklärt, wie Finasterid auf Dauer – bei mehr als siebenjähriger Einnahme – wirkt und ob es die Sterblichkeit an Prostatakrebs verringert. Zudem dämpft es in manchen Fällen die Lust auf Sex; zugleich bessert es aber die bei älteren Männern verbreiteten Störungen beim Wasserlassen infolge einer vergrößerten Prostata.

Zugegeben, das sind noch einige Fragezeichen beim Thema Prostatakrebs-Vorbeugung. Auch die deutschen Urologen konnten sich bislang nicht dazu durchringen, Finasterid zu empfehlen. Tröstlich, dass dieser Tage der Weltkrebsforschungsfonds mitteilte, dass ganz allgemein jede vierte Krebserkrankung vermeidbar wäre. Und wie? Ganz einfach durch ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und ein normales Körpergewicht. Das ist zwar nicht einfacher, als eine Pille zu schlucken – aber dafür gibts auch keine Nebenwirkungen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht? Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de. Hartmut Wewetzers gesammelte Kolumnen gibt es auch in Buchform. Erschienen sind sie im Ullstein-Verlag unter dem Titel "Der Brokkoli-Faktor und andere gute Nachrichten aus der Medizin". 185 Seiten, 7 Euro 95.

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