Kolumne : Staat, Freiheit, Geld

Etwas gratis zu tun, aus Verantwortungsgefühl, aus Solidarität, oder gar Liebe, verstößt gegen die Menschenwürde - denn aus staatlicher Sicht bemisst sich Menschenwürde in der Einheit Geld.

Die neue Familienministerin schlägt vor, dass die Pflege von kranken Angehörigen erleichtert wird. Man soll, für weniger Geld, halbtags arbeiten dürfen. Die eher linken Parteien lehnen das ab. Claudia Roth von den Grünen sagt zu dieser Idee: „Der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung und lädt sie ausschließlich den Betroffenen und ihren Angehörigen auf.“

Die Pflege von Alten und Kranken gehört, laut Claudia Roth, zu den Aufgaben des Staates, genauso, wie ja auch die Betreuung der Kinder eine staatliche Aufgabe ist. Als moderner, aufgeklärter Bürger oder als Bürgerin soll ich mir um Kinder oder Eltern keinen übertriebenen Kopf machen. Meine Aufgabe als Mann, oder als Frau, besteht vor allem darin, zu arbeiten. In der offiziellen Sprache nennt man das „Karriere“, obwohl die meisten Leute natürlich keine Karriere machen. Eine Gesellschaft, in der 80 Prozent Karriere machen, kann es nicht geben.

Die weitaus meisten machen keine Karriere, aber sie arbeiten. Ihre Kinder sollen sie ein paar Wochen nach der Geburt – um Zeugung und Geburt kann der Staat sich nicht kümmern, sonst täte er es garantiert auch – in eine Krippe geben, die alten Eltern gibt man in ein Heim. Männer und Frauen konzentrieren sich ganz auf ihre staatsbürgerliche Aufgabe, sie arbeiten, um zu konsumieren, denn sonst läuft der Laden nicht, und sie zahlen Steuern, immer mehr, unter anderem, damit der Staat ihnen Kinder und Alte vom Hals hält. In der offiziellen Sprache heißt solch ein Leben „frei“, „emanzipiert“ und „selbstbestimmt“, obwohl die meisten Leute an ihren Arbeitsplätzen alles andere als frei sind.

Natürlich werden die menschlichen Bindungen schwächer, aber man gewöhnt sich daran. Auch Männer und Frauen binden sich seltener, viele kriegen überhaupt keine Kinder mehr – im Grunde lenken Kinder nur ab von dem, was im Leben wirklich zählt, nämlich in einem niedrig bezahlten, unsicheren, befristeten Job alles zu geben, einzukaufen, Steuern zu bezahlen und Verbindlichkeiten jeder Art zu vermeiden. Eben das, was offiziell „Freiheit“ heißt. Ein Problem sind diejenigen, die man nicht braucht, der Staat zahlt für sie das Nötigste. Der Idee, diese Reservearmee für gemeinnützige Aufgaben einzusetzen, stehen die meisten ablehnend gegenüber. Denn diese Idee bedroht unser Grundprinzip – es lautet: Alles, was man tut, tut man für Geld. In der offiziellen Sprache heißt Geld „Menschenwürde“. Etwas gratis zu tun, aus Verantwortungsgefühl, aus Solidarität, oder gar Liebe, verstößt gegen die Menschenwürde. Es gibt nur den Staat und die Wirtschaft. Alles andere ist wert, dass es zugrunde geht.

Diese Welt wurde übrigens, zumindest recht ähnlich, schon vor Jahren in einem Roman beschrieben, in „1984“ von George Orwell.

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