Kolumne: Unter Heimwerkern : Elias Röhm, 30, kauft sich einen Holzbalken

Jemima Gnacke
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Foto: Jemima Gnacke

Ich soll hier mit dem Balken posieren? Da mache ich ja eine ganz schlechte Figur. Der Balken ist schlanker, strammer und größer als ich. Aber ich gönne ihm das Rampenlicht, so selten wie der im Mittelpunkt steht.

Ich kaufe heute das Zubehör für ein Hochbett, das ich für mich und meine Freundin in unserer Kreuzberger Wohnung bauen möchte. Unsere Zimmer sind relativ klein, deshalb will ich mehr Stellfläche für meinen Schreibtisch und Klamotten. Das Unterfangen ist etwas gewagt, weil der Neubau sehr niedrige Decken hat. Das heißt, oben wird die Luft dünn und unten drunter hat nur noch ein Zwergenstaat Platz. Es ist das dritte Mal, dass ich ein Hochbett baue, daher kenne ich den Ablauf schon genau. Als erstes die Balken setzen und mit der Wand verschrauben. Mit Winkeln werden die Querbalken gesetzt. Die zugesägten Bretter werden mit Nut und Feder ineinandergesteckt und einzeln mit den Querbalken zusammengeschraubt. Zum Schluss baue ich mir ein Geländer mit einem hochkant gestellten Brett und um es dann zu erklimmen noch eine angelehnte Sprossenleiter. Die Matratze ist natürlich breit genug für zwei, und sobald es fertig ist, wird der Schlaftest gemacht. Ein Hochbett zu bauen, ist wie Regie führen: Man muss jeden Schritt genau überdenken und vorbereiten.

Seit einigen Jahren versuche ich mich im hart umkämpften Filmgeschäft als Regieassistent zu etablieren, bin aber eigentlich ausgebildeter Schauspieler. In Zukunft würde ich am liebsten selbst Regie führen oder nach einem weiterführenden Studium die Filmkamera schwenken. Generell betätige ich mich gerne gestalterisch oder gehe im Haus zu Werke, das Einrichten, die Zusammenstellung von Möbeln interessiert mich sehr. Wäre ich nicht im Filmgeschäft gelandet, würde ich als Raumgestalter oder Innenarchitekt anheuern. Erst kürzlich habe ich in unserer Küche umdisponiert und Stauraum für Geschirr geschaffen.

Um mich seelisch auf mein bevorstehendes Projekt einzustellen, werde ich mich hier noch ein wenig an das Holz schmiegen, damit wir uns besser kennenlernen. Bei der Regie muss die Chemie zwischen Akteur und Dompteur ja auch stimmen. Wenn ich jetzt aber mal meine Baupläne beiseitelassen und träumen dürfte, dann sehe ich mich als Weltenbummler die Kontinente bereisen. Ganz oben auf meiner Wunschliste steht eine Motorradtour mit einem Kumpel durch Südamerika. Von Caracas bis nach Kap Horn, ständig das Gefühl von Freiheit verspüren und am Ende mit von der Sonne gegerbter Haut glücklich sein.

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