Kolumne: Unter HEIMWERKERN : „Ich repariere mein Paddel“

Ich gehe oft Kajak fahren. Es ist pure Entspannung, mich einfach mit ein paar Freunden auf einem See oder Fluss treiben zu lassen.

Protokoll: Michael Schneider

MARKO WEISS, 35 kauft 1 Aluminiumrohr für 9 Euro

Ich gehe oft Kajak fahren. Es ist pure Entspannung, mich einfach mit ein paar Freunden auf einem See oder Fluss treiben zu lassen. Leider ist bei unserer letzten Tour das obere Ende meines Teleskop-Paddels abgebrochen. Da das untere Stück noch intakt ist, brauche ich nur ein Aluminiumrohr, das ich draufschrauben kann. Das dauert eine Minute. Ich sehe es nicht ein, wegen so einer Lappalie gleich ein neues Paddel zu kaufen. Da habe ich schon schwierigere Fälle gelöst.

Ich bin Wirtschaftsingenieur bei VW, technisches Verständnis gehört bei diesem Beruf dazu. Wenn man dann noch aus so einer Familie wie meiner kommt, ist eine Bastelleidenschaft unvermeidlich. Schon mein Großvater hat Traktoren gebaut – aus alten Trabbi-Motoren. Mein Vater ist eigentlich Sprengmeister, hat aber eine riesige Werkstatt. Als Kind habe ich mit ihm Baugruben ausgehoben und ihm bei allen möglichen Arbeiten assistiert. Damals habe ich gelernt, wie man improvisiert. Ich bin in Thüringen aufgewachsen und im Osten gab es ja nichts. Wenn man da keine eigenen Ideen hatte, war man aufgeschmissen. Diese Fähigkeit hilft mir heute oft. In meinem letzten Urlaub habe ich aus einem Segelgurt ein Moskitonetz gebastelt.

Trotzdem: Als leidenschaftliches Hobby würde ich das Heimwerken nicht bezeichnen. Dafür fehlt mir leider die Zeit und auch das Werkzeug. Ich wohne mit meiner Frau und meiner Tochter in einer Drei-Zimmer-Dachgeschosswohnung in Friedrichshain. Dort ist keine Platz für Werkzeug und im Keller eine Werkstatt einzurichten, ist mir zu riskant. Ich hätte ständig Angst, dass etwas geklaut wird. Deshalb habe ich nur eine Bohrmaschine und ein Schraubenzieherset.

Wenn ich in der Werkstatt meines Vaters irgendetwas zusammenklopfe oder zum Beispiel einen Gartenteich anlege, steht da am Ende etwas, auf das ich stolz sein kann. Wenn ich das Ergebnis meiner Arbeit sehe, verschafft mir das innerlich eine gewisse Befriedigung. Außerdem kann ich gerade bei stupiden Arbeiten, wenn ich zum Beispiel Holz mit der Hand schleife, gut über Alltagsprobleme grübeln. Das hat fast schon eine meditative Wirkung.

Ich muss mich mal erkundigen, ob es in Berlin eigentlich Werkstätten gibt, in die sich Heimwerker einmieten können, um zum Beispiel ein Kinderbett abzuschleifen. Schließlich gibt es ja auch Werkstätten für Leute, die ein bisschen an ihrem eigenen Auto rumschrauben wollen. Wäre doch ungerecht, wenn es so etwas nicht auch für Leute wie mich gäbe.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!