Kolumne: Unter HEIMWERKERN : Reiner Rühle, 48

Meine heutige Ausbeute hier im Baumarkt sind Scharniere und ein Verschluss, die ich für einen selbst gebauten Bienenzuchtkasten brauche.

Protokoll: Jemima Gnacke

Meine heutige Ausbeute hier im Baumarkt sind Scharniere und ein Verschluss, die ich für einen selbst gebauten Bienenzuchtkasten brauche. Seit einem Jahr bin ich nämlich privater Bienenzüchter. Zusammen mit meinem 22-jährigen Sohn haben wir einen Bienenzüchterkurs belegt und durften daraufhin zwölf Monate lang Probe imkern. Mir hat das so viel Spaß bereitet, dass ich dabei geblieben bin und mich seitdem darum bemühe, ein Bienenvolk neu aufzubauen. Der Kurs hat uns gelehrt, wie das Volk strukturiert ist, wo man eingreift, um die Bienen beisammenzuhalten und wann der Honig entnommen werden kann. Aus einem Volk können zwei bis drei entstehen, besonders weil sich die Besetzung im Frühjahr auf 20 000 bis 50 000 Bienen vergrößert und im Herbst wieder auf 8000 bis 15 000 verkleinert.

Bei der ersten Ernte hatten wir 48 Kilo Honig, aber das hängt immer von der Blütentracht der Umgebung ab. Um unseren Bienen ideale Bedingungen zu bieten, haben wir uns einen Schrebergarten zugelegt, in dem ich so ziemlich alles renoviert und zusammengezimmert habe. Ich bin der absolute Hobbyheimwerker. Vom Dachdecken bis zum Badfliesen, alles Eigenproduktion. Wenn es wärmer ist, sind wir auch viel im Garten und pflanzen oder jäten Unkraut.

Unsere eigentliche Wohnung liegt in Mitte, im Trubel der Stadt, und ich arbeite in Neukölln, als Computerprogrammierer für Herzschrittmacherdatenbanken. Die Datenbank ist sehr modern und überwacht die Herzschrittmacher ununterbrochen, damit den Patienten nichts passieren kann. Zum Programmieren bin ich gekommen weil ich als Jugendlicher passionierter Technikbastler war. Studiert habe ich nie, sondern mich durch verschiedenste Weiterbildungen auf meinen heutigen Stand gebracht.

Seit fünf Jahren begleite ich in meiner Freizeit Hauptschüler, die Probleme in der Schule haben und Schwierigkeiten, sich zu motivieren. Wir coachen sie, um herauszufinden, warum sie so unzuverlässig sind und was sie in ihrer Zukunft erreichen möchten. Zu meiner Freude sind 70 bis 80 Prozent der Fälle erfolgreich und die Jugendlichen finden ihren Weg.

Mein Weg ist es immer, Praktisches mit Theoretischem zu verbinden. Genau wie meine Traumreise, bei der ich im vergangenen September alleine mit dem Fahrrad durch Japan gefahren bin. 1800 Kilometer in vier Wochen, von Tokio bis Kyoto habe ich eine Woche gebraucht. Mein größtes Highlight war aber ein 1200 Jahre alter, moosbewachsener Steingarten in Kyoto. Ein faszinierendes Erlebnis, für das ich mich per Postkarte vorher anmelden musste, um eine japanische Postkarte zurückzubekommen, die mir den Zutritt bestätigte. Mein Leben ist die reinste Vielfalt.

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