Kolumne: Unter Heimwerkern : Tidian Camara, 36, kauft sich eine Dose Lack

Mit dem Lack werde ich den Blumenkasten vor meinem Küchenfenster streichen.

Protokoll: Michael Schneider

Mit dem Lack werde ich den Blumenkasten vor meinem Küchenfenster streichen. Der hat das dringend nötig. Das liegt auch daran, dass sich meine Drei-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg im dritten Stockwerk befindet. In den Dachbodenfenstern darüber sitzen Tauben, die regelmäßig auf mein Fensterbrett kacken – und auf den Blumenkasten.

Der Lack hat die Farbe „Karibik-Blau“ und passt perfekt zu den Bodenkacheln in der Küche. Die sind bestimmt 100 Jahre alt. Eigentlich bin ich relativ unvorbereitet in den Baumarkt gegangen. Klar war nur, welchen Farbton der Lack haben soll und dass ich dem Blumenkasten keinen hochdeckenden Anstrich verpassen möchte. Das Holz, aus dem der Kasten gezimmert wurde, hat eine schöne Maserung und die soll auch nach dem Anstrich sichtbar bleiben. Deshalb werde ich nur ein einziges Mal streichen.

Ich bin in Steglitz aufgewachsen und wohne jetzt seit sieben Jahren in der Wohnung. Früher war es eine Zweier-WG, aber mein ehemaliger Mitbewohner hat Berlin vor zwei Jahren verlassen. Jetzt wohne ich mit meiner Frau Paula zusammen, vor drei Monaten haben wir geheiratet. Nach und nach möchten wir die Wohnung jetzt aufmöbeln, und heute morgen beim Frühstück dachten wir: Jetzt geht’s los! Als freiberuflicher Kinderbuchillustrator und Grafiker kann ich mir relativ leicht mal einen Tag freinehmen.

Ich würde mich als begabten Heimwerker bezeichnen. Um mein Studium zu finanzieren, habe ich jahrelang Böden abgeschliffen, aus dieser Zeit sind einige Kniffe hängen geblieben. Unverzichtbar sind für mich Hammer und Stichsäge – vor allem, wenn man zu Hause einen Zwischenboden einziehen oder ein Regal bauen will. Demnächst möchte ich die Tapeten entfernen. Paula und ich sind beide eher Chaoten, umso mehr brauchen wir in unseren vier Wänden klare Verhältnisse. Im Zweifel also eher glatte Wände statt Raufasertapete und Dielenboden statt Auslegware.

Weil unser Budget momentan nicht mehr hergibt, fangen wir jetzt erst mal ganz klein an – eben mit dem Blumenkasten. Paula und ich teilen eine große Leidenschaft für Natur. Allerdings habe nur ich den grünen Daumen, sie ist ein Todesengel für jede Pflanze, deshalb darf sie nur genießen, aber nicht mitgestalten. Zur Hochzeit hat uns Paulas Mutter einen Hibiskus geschenkt, außerdem haben wir Basilikum und Lavendel angepflanzt. Der Blumenkasten ist ja nur 2,50 Meter breit und 30 Zentimeter tief – eigentlich ein Witz. Aber wenn man in Kreuzberg wohnt, freut man sich schon über so viel Grün. Protokoll: Michael Schneider

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