Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Café des Artistes

Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti

Sehen die Preise etwa ein bisschen nach dem teuren Moskau aus? Der Rehrücken soll 30 Euro kosten, der Lachs 16, und die Weinkarte hält einige Flaschen im dreistelligen Bereich bereit. Das erwartet man nicht unbedingt an dieser harmlosen Ecke der Fuggerstraße, zumal in einem Restaurant, das sich dem Namen nach als Künstlercafé tarnt und gleichzeitig „Gallery“ sein will. Dafür fühlt man sich in dem eleganten Raum auf Anhieb wohl. Die Wände leuchten in orangerot, sind dekoriert mit moderner Kunst, die man auch kaufen kann. Die Stühle mit weißen Hussen verhüllt, die Tische stehen weit genug auseinander, sind weiß gedeckt, weißes Windlicht und grüner Apfel auf dem weißen Teller setzen eigene Akzente. Riesig große Fensterscheiben geben den Blick frei auf malerische Tannenbäumchen, die im Sommer wohl die Terrasse markieren. Die Beleuchtung ist sehr angenehm. Spektakulär ist das silbern glänzende Besteck mit einer Aura von Zaren-Pomp. Wie man uns erzählte, hat das der Chef persönlich von Moskau nach Berlin gebracht. Sehr schön ist auch das Serviceteam aus hoch gewachsenen waschbrettbäuchigen Jungs, die einer Sammlung griechischer Skulpturen entsprungen sein könnten. Vielleicht haben sie mal im Bolschoitheater getanzt? Fünf Minuten von da befindet sich das Mutterhaus dieser Berliner Neugründung, zu der noch eine Galerie und demnächst auch eine Weinhandlung gehören. Der Besitzer ist Schweizer, das merkt man der Karte an.

Erstmal gibt es italienischen Prosecco (4,50 Euro). Die Frage nach Krimsekt bringt den kultiviert auftretenden Service-Chef zum Lachen. Der süße Geschmack würde vermutlich nicht zum Ambiente passen. Der Tomatensuppe einen Schuss Imperial Vodka zu verpassen, ist eine ebenso nahe liegende wie russische Idee. Schmeckt sehr viel besser als mit Sahnehäubchen, und obwohl am Alkohol nicht gespart wurde, hatte die fruchtige Suppe eine wunderbar dickflüssige Konsistenz (7 Euro). Sehr hübsch gefächert und mit Balsamico Vinaigrette gekonnt in Szene gesetzt war das Hors d’Ouevre von grünem Spargel, Avocado und Mesclun (12 Euro). Neben Klassikern wie Lammrücken, Rinderfilet und Austern findet man hier schweizerische und russische Einflüsse. Auch eine der Brotsorten, die zu rotgelbgrünen Buttertupfern formvollendet mit der Silberzange aus einem Bauchladenkorb serviert werden, ist russisch.

Das Zürcher Geschnetzelte dürfte, wenn es immer in der gleichen Qualität serviert wird, auch fortgeschrittenen Schweiz-Fans Freude bereiten. Zarte Kalbfleischstreifen, wunderbar pikante Weißweinsauce mit reichlich frischen Champignons und dazu ein dickes, nahezu perfekt gebräuntes Rösti (19 Euro). Auch das Filet Goulash Stroganoff erweist sich als luxuriöser Genuss. Das Rinderfilet muss wohl von glücklichen Tieren stammen, sonst hätte es nicht diesen Geschmack. Die Sauce dazu wird zwar als traditionell annonciert, ist aber glücklicherweise dezent modernisiert und entsprechend leicht. Dazu gibt es Papardelle (19 Euro). Der chilenische Weißwein, den wir dazu tranken, war zwar eines der billigsten Gewächse auf der Karte, aber dafür überraschend gut (24 Euro). Allerdings war es auch die zweite Flasche, die man für uns öffnete. Die erste hatte den Korkenschnuppertest nicht bestanden.

Toblerone-Parfait oder Schokoladenmandelkuchen reizten uns danach eigentlich nicht mehr. Aber der griechische Jüngling verführte uns mit einem Dessert, das nicht auf der Karte steht: Dreierlei fruchtige Sorbets mit dreierlei edlen Wässerchen getränkt gaben gewissermaßen die Abrundung zur Suppe (11 Euro). Das ist leicht, kreativ und ein sehr gelungener Abschluss eines überraschend guten Menüs. Sollte unbedingt unter die Hausklassiker auf der Karte aufgenommen werden.

Es waren kaum Tische besetzt an jenem Abend, allerdings freuten sich die schönen Jungs schon auf prominente russische Kundschaft. Und draußen vor der Tür inspizierte eine russisch sprechende Familie etwas schüchtern die Karte. Gut verdienende, junge Großstädter, die ihr Geld ein bisschen im Rampenlicht glitzern lassen wollen, sind aber wohl am ehesten die angepeilte Zielgruppe.

Café des Artistes, Fuggerstr. 35, Schöneberg, Tel. 263 352 49, geöffnet täglich ab 12 Uhr.


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