Kolumne: von Tisch zu Tisch : Charlotte 43

Zanderfilet mit Graupen und Estragonpesto

Eine schwierige Ecke ist das, und dabei doch sooo zentral. Man muss nur bei Dussmann um die Ecke, ein paar Schritte geradeaus, die schwere Metalltür aufstoßen, fertig. Nur dachten sich das auch die Leute vom „Weinstein“, die hier in den niedrigen Souterrain-Räumen ein beachtliches Restaurant betrieben hatten, bis sie angesichts der ewigen Baustellen rundherum aufgaben und sich wieder ins gemütlichere Prenzlauer Berg zurückzogen. Dann war eine Weile nichts, dann flüsterte die Szene über ein Steakhaus namens „Hirschberg“, das sich dort unter der Aufsicht von Sternekoch Thomas Kammeier ansiedeln würde. Und nun ist dort endlich wieder ein Restaurant, aber es heißt „Charlotte 43“. Immerhin: Der Küchenchef hat wohl mal bei Kammeier gekocht.

Das Konzept heißt schlicht und unoriginell „Wine & Dine“. Auch das verflossene „Weinstein“ war ja ein Betrieb mit Schwerpunkt Wein, aber es steckte großer Enthusiasmus dahinter, und auch Experten ließen sich immer wieder überraschen von den aktuellen Entdeckungen des Sommeliers. Davon kann hier nun keine Rede mehr sein. Die überschaubare Weinkarte ist zwar durchaus verblüffend zu nennen, aber nur deshalb, weil sie nicht einmal Jahrgänge aufführt. Wir fragten beim Frankensilvaner vom Bürgerspital nach dem Jahr – und hörten vom einzigen Kellner, offenbar dem Chef, das wisse er auch grad nicht. Bis die Flasche kam, es war ein 2008er, gingen dann mehr als 20 sehr trockene Minuten ins Land. Um es gleich zu sagen: Mit so wenig Personalaufwand ist ein Restaurant dieser Art nicht zu führen.

Dabei ist die Küche mit ihrer recht einfachen, unangestrengten Art durchaus sympathisch. Doch auch dort waren an diesem Abend, wenn ich nicht jemanden übersehen habe, gerade zwei Leute am Werk, und auch das führte zu etwas eigenartigen Ergebnissen. „Bäckerofen und Bohnen“ würde ja doch erfordern, dass irgendetwas in einem mit Brotteig verschlossenen Topf im Ofen gebacken wird. Hier wurde das sehr arabienwürzige, grundsätzlich gut gemachte Lammragout aber einfach aus der Kühlung geholt und mit einem Ring aus Teig unter dem Deckel kurz in den Ofen geschoben. Deshalb war es teilweise kalt.

Um auch gleich noch das zweite unbefriedigende Gericht abzuhaken: „Kopfsalatherzen und Flusskrebse“ mit geröstetem Graubrot mag angehen, allerdings nicht, wenn wie hier Unmengen von Salat mit ein paar mehligen, geschmacksfreien Krebsschwänzen kombiniert und mit belanglosen Saucen übergossen werden. Die Grundprodukte sollten doch mindestens stimmen.

Der Rest war besser. Gute, intensive Kalbsconsommé mit Flädle und Gemüsestreifen, Feldsalat mit gebratener Blutwurst und Apfel-Ingwer-Chutney, das gelang recht gut, und noch besser fanden wir das gebratene Zanderfilet mit Graupen, Spitzkohl und Estragonpesto; als verblüffende Vorspeise überzeugten die pochierten Eier mit Speck, Petersiliencreme und süß-saurem Sellerie (Hauptgänge um 19, Vorspeisen um 10 Euro). Was die Desserts angeht, so kann ich nur mitteilen, dass es beispielsweise Grießknödel mit Amarena-Kirschen oder Schokoladenparfait mit gegrillter Ananas gibt. Probieren mochte ich das nicht mehr, weil ich dann vermutlich immer noch da sitzen würde.

Es steckt durchaus was drin in diesem Restaurant. Nur muss es entweder richtig oder gar nicht betrieben werden, aber nicht so auf Sparflamme.

Charlottenstr. 43, Mitte, täglich ab 17 Uhr, sonntags geschlossen.

Richtig gut waren die Sushi, die ich an einer extrem unerwarteten Stelle gefunden habe, nämlich im fernen Hermsdorf. Dort betreibt Mario Gaideck etwas, was er die „beste Fischbude südlich von Sylt“ nennt, eine echte Kuriosität. Und Teil dieser Bude ist „Sakura Sushi“: Klassiker und Modernes, Tempura-Garnelen und Hand Rolls, nach Bestellung mit perfektem, gerade noch handwarmem Reis zusammengesetzt, umwerfend gut. Ergänzt wird das um ein paar deutsche Fischklassiker, die ich nicht probiert habe, die aber bei den Nachbarn durchweg gut aussahen.

Mit Fischgeschäft. (Heinsestr. 53, Hermsdorf, täglich 11–22, sonntags 12–21 Uhr geöffnet, Tel. 404 80 17.)

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