Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Cosmo

Risotto mit Amalfi-Zitrone

Hinter dem Gendarmenmarkt hört die belebte Stadt irgendwie auf – es scheint so, als wolle vor allem abends kein Fußgänger der schrecklichen, wie mit dem Vorschlaghammer ins Stadtbild gezimmerten Leipziger Straße zu nahe kommen. Zumal der historische Spittelmarkt an ihrem Ende ja nichts als eine verkappte Stadtautobahn ist. Dennoch wachsen an dieser Stelle immer neue Hotels, denn die Lage ist günstig und der Lärm wird durch moderne Fenster zuverlässig abgeschirmt. Doch Berliner, die ja kein Hotel brauchen, verirren sich nie dorthin.

Deshalb verpassen sie auch das neue Cosmo-Hotel, einen unauffälligen Klotz am Straßenrand, der innen durch anspruchsvolles Design weit über dem üblichen modernen Hotelstandard auffällt. Und sie verpassen, interessanter, ein ambitioniertes Restaurant, aus dem was werden könnte, vorausgesetzt, das Haus besitzt einen langen Atem. Küchenchef Ottmar Pohl hat einen guten Namen in der Branche, war mal bei Wohlfahrt und mit dem notorischen Provokateur Stefan Marquardt unterwegs.

Das sind gute Voraussetzungen. Pohl ist aber wohl immer noch dabei, den Markt zu testen, und windet sich zwischen Konvention und gemäßigter Moderne irgendwie durch; seine Linie basiert auf regionalen Produkten und vielen Wildkräutern der bekannten „essbaren Landschaften“, hat aber nichts mit regionaler Küche zu tun. So beginnt das Menü verhalten modern mit einem in Sesam gerollten Lachstatar und einem weißen Tomatengelee mit Kartoffelespuma – damit ist erst einmal klargestellt, dass der anspruchsvolle Gast auf der richtigen Veranstaltung ist.

So geht es dann weiter mit einem akkurat saftig gebratenen Zanderfilet, das von einem Wildkräutersalat und Oliven-Tapenade angenehm begleitet wird. Die Jakobsmuscheln mit Streifen von Nori-Algen, einem leicht angeschärften Salat sowie kleinen marinierten Blumenkohlröschen gehören dann eindeutig ins asiatische Fach, während die sehr gut gebratene Entenstopfleber mit feinsäuerlichen Aprikosen und einem leichten Salbeisud neo-europäisch auftritt – ein wirklich gelungener Versuch, dem problematischen Produkt die oft zuckrige Schwere zu nehmen, das passte sogar zu trockenem Weißwein. Weiter nach Italien. Risotto mit Amalfi-Zitrone, das war simple Mittelmeerküche mit Pfiff, schön saftig und durchdrungen vom Zitronenaroma ohne dominierende Säure – den erneuten Salat am Tellerrand hätten wir entbehren können.

Bei den Hauptgerichten war dann ein kleiner Einbruch nicht zu überschmecken. Das Rückenfilet vom Iberico-Schwein überzeugte durch hohe Fleischqualität, sorgsame Garung und gute Sauce, aber die bunt ziselierte Beilage – Kartoffelwürfel waren dabei – geriet alsbald in Vergessenheit. So geschah es auch dem Schwarzfederhuhn, das darüber hinaus übergart und sowohl in Brust als auch Keule trocken dalag. Durchaus keine schlechte Küche, aber angesichts der selbstbewussten Preise um 27 Euro doch ein wenig enttäuschend (Vorspeisen 10–15 Euro). Mag sein, dass das dabei herauskommt, wenn für den Anfang mehr Hotelgäste als neugierige Berliner hereinschauen; der Küchenchef kann sicher mehr.

Wie knapp der Personalbestand hier offenbar sitzt, zeigte sich schließlich beim Dessert – Singular. Denn es gab nur eins, ein vorbereitetes cremiges Parfait, gewürzt mit dem eigenwilligen Kräutlein namens Mädesüß. Daneben lagen saure Nektarinenwürfel, die wir nicht gebraucht hätten. Ich habe mich vor allem gefragt, auf welcher Grundlage die Küche eigentlich ein „Überraschungsmenü“ anbietet – wäre die Dessertüberraschung dann auch das einzige Angebot aus der Karte gewesen?

Das ist sicher zu wenig, um sich auf dem stark belagerten Berliner Markt behaupten zu können, aber es muss ja nicht dabei bleiben. Die Weine sind gut ausgesucht und preisgünstig: Der gute „Pas de deux“, Weißburgunder/ Chardonnay von Matthias Gaul, kostet 26,50 Euro.

Was fehlt? Eine Terrasse. Aber die gut funktionierende Klimaanlage hilft darüber hinweg.

Spittelmarkt 13, Tel 58582222, tägl. ab 18 Uhr

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