Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Hooters

Berliner Pilsner auf Amerikanisch

Elisabeth Binder

So rein theoretisch klingt das erst mal ziemlich hirnrissig. Warum sollte man in einer Stadt, die voll ist mit Single-Frauen und schwulen Männern, ein riesiges Lokal aufmachen, in dem potenzielle Schönheitsköniginnen mit knappen Tops und noch knapperen Glitzershorts eine Art Flirt-Service inszenieren.

Die Antwort erschließt sich im Hooters so ziemlich auf den ersten Blick. Es gibt kaum ein Lokal in der Stadt, in dem sich so viele virile Hetero-Männer auf einen Schlag finden wie hier. Rudelweise sitzen sie rings um die riesigen Flachbildschirme, lauschen andächtig den Sprüchen der Fußballkommentatoren und sehen aus wie die andere Seite der Beach-Boy-Vision vom Glück: Ten Boys for Every Girl. Immer mal wieder darf einer der Jungs auf einen Stuhl steigen und sich zum Mann der Stunde küren lassen, die Schönheitsköniginnen klatschen ihm zu. Es hilft, den Humor in einen niedrigen Gang zu schalten.

Testosteron ist also genug vorhanden, leider liegt aber auch mehr als der Hauch einer Ahnung von bösen Transfetten in der Luft. Das kann eigentlich nicht sein in einem Restaurant, an dem eine kulinarische Berühmtheit wie Hans-Peter Wodarz beteiligt ist.

Dafür ist Morgan aus Kansas mit einigen anderen Amerikanerinnen gekommen – zum Nachschulen des Personals und natürlich zum vorbildlichen Bedienen. Und um zu beweisen, dass es ohne gute Englischkenntnisse immer schwieriger wird, in Berlin ein Abendbrot zu bestellen. So what can she get us to drink? Wenn wir nicht wüssten, wie man’s ausspricht, sollten wir bitte einfach mit dem Finger auf die Karte zeigen, sagt sie auf Englisch. Tja, also, wie spricht man jetzt gleich Berliner Pilsner auf Amerikanisch aus? Wir bekamen trotzdem eins, erstaunlich rasch sogar (0,3 l für 2,60 Euro). Beim Wein dauerte es etwas länger, der scheint hier nicht in gleicher Weise gut zu gehen, obwohl es offen sowohl den fruchtigen Cabernet Sauvignon von Beringer gibt wie auch einen ordentlichen White Zinfandel (0,2 jeweils für 4,50 Euro). Einen Moment wunderte ich mich über das große Champagnerangebot, aber wenn die richtige Mannschaft gewinnt, muss es sicher heftig sprudeln.

Das Speisenprogramm orientiert sich an gängigen Junkfood-Lieblingen, Hooters Burgers oder Gourmet Hot Dogs, auch in der Chili-Variante. Ausnahme: die Sellerie- und Karotten-Sticks, die mit kräftigem Blue Cheese Dressing serviert werden. Zweite Ausnahme: der Caesar Salad, den es dankenswerterweise auch als halbe Portion gibt, mit knoblauchhaltigem Caesar-Dressing und vielen Croûtons (4,90 Euro). Zur Unterstützung der Dips stehen in einem silbernen Eiskühler noch Ketchup und Pfeffersauce bereit.

Beilagen kann man beliebig kombinieren. Morgan empfahl uns die Curley Fries, raffiniert geschnittene Pommesspiralen, eine Spezialität des Hauses (2,50 Euro). Gut waren die knusprigen Quesadillas mit Hühnchen, einer Extraportion Jalapenos und erstaunlich unkünstlich schmeckender Guacamole (7,90 plus 2,40 Euro). In der Zwischenzeit erfuhren wir, dass bei Hooters immer Frauen servieren, es zu dem in der Regel männlichen Manager aber unbedingt auch eine weibliche Führungskraft geben muss, die Verständnis hat „für die weiblichen Aspekte von Problemen“, und dass nur in Berlin Männer an der Bar stehen. Klang alles so fortschrittlich, dass wir den Fettgeruch umso unverständlicher fanden.

Das Philly Cheese Steak Sandwich war ganz achtbar, das klein geschnittene und mit Käse in einem knusprigen Brötchen verschmolzene Fleisch nur streckenweise etwas sehnig, dazu ein Bouquet aus Champignons, Zwiebeln, Paprika. Traditionelle Beilagen wie den Speer aus saurer Gurke, Eisbergsalat mit Tomate und Cole Slaw ergänzen das Ensemble, das Morgan mit einem stolzen „Ist doch eine Menge Essen, oder?“ anmoderiert (8,90 Euro).

Der Käsekuchen „American Style“ hatte am Schluss leider einen penetranten Geschmack nach unaufgeräumtem Kühlschrank und ruhte auf einem Schokoladengraffito neben kräuseliger Sprühsahne (3,90 Euro). Bäh!

Dann schon lieber Bier aus dem 1,5-Liter-Pitcher wie die Kerle von nebenan.

Hooters Berlin, Straße des 17. Juni am S-Bahnhof Tiergarten, Tel. 31017011, geöffnet täglich ab 11 Uhr.

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