Kolumne: Von Tisch zu Tisch : Lin’s Mandarin

Wenn der Gast zum Koch wird, ist man versucht, darin einen Trend zu erkennen.

Elisabeth Binder

Wenn der Gast zum Koch wird, ist man versucht, darin einen Trend zu erkennen, den die vielen jungen Kochschulen in Mitte und anderswo etabliert haben. Im alten Westen, auf der Rennstrecke zwischen Charlottenburg und Spandau, gibt es dieses Phänomen in einem unglamourösen Flachbau unter bunten Tütenlampen: ein sogenanntes Mongolian Barbecue. Lin’s Mandarin wirkt freilich nicht schick, ist beliebt offensichtlich für größere Familienfeiern, die nicht allzu teuer werden dürfen. An den langen Tischen saßen unter anderem eine große Familie mit etlichen Kindern, eine Gruppe älterer Leute und mehrere junge Pärchen.

Man sollte unbedingt zeitig eintreffen in diesem Lokal. 20.40 Uhr ist hart an der Grenze. „Sie müssen sich beeilen, um 22 Uhr schließt das Buffet“, sagte die Kellnerin. Für 13,80 Euro darf man sich dort so oft bedienen, wie man will, hat die Auswahl zwischen Haifisch, Garnelen, Pangasius, Rotbarsch, Pute, Känguru, Rind, Ente und noch anderen Sorten Fisch und Fleisch. Die ausgewählten Stücke legt man auf einen Teller, gibt Beilagen wie Zwiebeln, Ingwer, Algen, Glas- und Eiernudeln dazu und überreicht die Komposition einem der zahlreichen Köche, der sie dann im Wok frisch zubereitet.

Als ich Anstalten machte, es mir zunächst mit dem kräftigen chilenischen Santa Regina (0,5 l = 7,20 Euro) am Tisch gemütlich zu machen, wurde die Kellnerin wieder pädagogisch. „Sie müssen sich beeilen, das dauert lange, bis es fertig ist“, sagte sie und zeigte mir, wie man auf einem Kärtchen mithilfe eines Gummibandes die gewünschte Sauce markiert und eine Wäscheklammer so am Teller befestigt, dass die Köche erkennen können, ob man Reis dazu will oder nicht.

Höchstens fünf Minuten später stellte sie den Teller mit dem fertigen Gericht vor mich hin, einer extrem scharfen Komposition aus Pute, Ente, Frühlingslauch, Bambus, Ingwer, Gongbao-Sauce und reichlich Chilipulver. Ohne Reis. Beim zweiten Gang ignorierte ich zwar wieder das schon etwas ausgeplünderte Salatbuffet, stellte die Wäscheklammer aber auf Reis ein. Diesmal gab es Garnelen und Pangasius-Filet, dazu Sprossen, Champignons, Knoblauch, thailändische Kokosmilch-Currysauce und wieder zu viel Chilipulver. An dieser Stelle muss die Kritikerin sich leider mal selber kritisieren.

Im Buffetpreis enthalten sind glücklicherweise auch fertig bereitete warme Spezialitäten wie vegetarische Frühlingsröllchen, gebackenes Fleisch in verschiedenen Varianten, Hühnerfleisch in sanfter Gemüsesauce und diverse Desserts.

Man kann auch à la carte essen, das schont die Geschmacksnerven. Die knusprig fettglänzenden Wan-Tan-Taschen mit pikanter Fleischfüllung wurden rasch aufgetragen und mit süßsaurer Sauce serviert (3,20 Euro). Die Hongkong-Ente war zart mit einem Fettstreifen unter der Haut, in feine Streifen geschnitten und gekonnt gewürzt. Dazu gab es Reis und Raum für Sonderwünsche. Ein netter Kellner gab auf unser Bitten hin zur Austernsauce noch Knoblauch und Ingwer vom Buffet und kreierte so eine Sauce, die wirklich gut schmeckte. Das wurde nicht mal extra berechnet (11,50 Euro).

Natürlich muss man bei einem solchen Preis-Leistungs-Verhältnis Abstriche machen, Selbstausbeutung und hartes Haushalten bei den Zutaten liegen da nahe. Insofern konnte ich am Ende gut verstehen, dass der Feierabend heilig ist.

Es waren viele Pflanzen in dem ansonsten etwas nüchtern wirkenden Raum, aber für meinen Geschmack und vor allem für die Jahreszeit auch zu viele kleine Fliegen. Die herbe Kellnerin hatten wir bald richtig ins Herz geschlossen. Blitzschnell hatte sie zum Dessert gebackene Banane mit Kokos- und Mandelstreuseln, Honig und Vanilleeis gebracht. Um 21.45 Uhr wagte ich es, noch eine Karaffe Roséwein zu bestellen. „Wir trinken schnell“, sagte ich schuldbewusst, als ich den Blick der Kellnerin sah. „Nein, nein“, sagte sie. „Sie können noch in Ruhe austrinken.“ Mit einem verheißungsvollen Lächeln brachte sie als Zugabe sogar noch zwei Gläser Pflaumenwein. Am Ende waren wir pappsatt und nicht mal die Letzten. Das ist wohl das Höchste, was man hier verlangen kann.

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