Kolumne: Von Tisch zu Tisch : Monte Croce

Italienisches Menu zum Pauschalpreis

Foto: Kai-Uwe Heinrich
Hostaria del Monte Croce, Mittenwalder Str. 6, Tel. 694 39 68, Di.–Sa., ab 19.30 Uhr. Reservierung empfohlen. Foto: Kai-Uwe...

Als ich im August 1989 zum ersten Mal in der Hostaria del Monte Croce war, galt sie als eines der originellsten Restaurants der Stadt, eine alte Remise im zweiten Hinterhof, an der ich damals die Aura eines italienischen Landgasthofs entdeckte. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Lange bevor „All-inclusive“ zum festen Bestandteil des modernen Lebenstils wurde, gab es hier das feste Menü für alle, Wein, Wasser, Kaffee und Digestif eingeschlossen. Ich hätte nie gedacht, dass es 21 Jahre dauern würde, bis ich mal wieder dahin komme. Damals konnte man ja nicht ahnen, dass bald die Mauer fallen und das, was damals noch Ost-Berlin war, sich nach und nach mit interessanten Restaurantneugründungen überziehen würde.

Auf den ersten Blick spüre ich, dass sich meine Sichtweise geändert hat. Das Haus kommt mir heute viel kleiner vor. Was dennoch verblüfft: Es gibt tatsächlich noch Orte in Berlin, an denen sich praktisch nichts verändert hat. Mit einer Ausnahme: Auch hier rechnet man inzwischen in Euro. Aus dem Pauschalpreis von damals 66 DM sind inzwischen 51 Euro geworden.

Man nimmt an langen Tafeln Platz. Die Tische sind gedeckt wie zu einem familiären Festmahl. Auf blau gemusterten weißen Tischdecken warten schon gut gefüllte, teils etwas angeschlagene Steingutkaraffen mit weißem und rotem Landwein, dazu Mineralwasserflaschen. Neben den Tellern liegen dicke Stücke Brot, frisch herausgeschnitten aus großen Laiben, von denen einer noch neben dem Kamin liegt. In kleinen Gläsern warten bunte Gemüsestangen, Möhren, Gurken, Fenchel. Lauch, Paprika, Cherry-Tomaten. Ein Dressing zum Dippen steht auch schon da. Von den runden Tellern mit diversen Antipasti bedienen sich jeweils zwei Gäste. Es gibt schwarze und grüne Oliven im Queen-Size-Format, zwei Babyfäuste Mozzarella, marinierte Pilze, eingelegte Zucchiniblüten, Riesenkapern. Der Padrone trägt selber auf. Er erzählt, dass er aus der Toskana stammt, wenngleich die monatlich wechselnden Menüs am Stil der Emilia Romagna orientiert sind. Die Antipasti waren noch nicht ganz verspeist, da kam schon ein Tablett mit verschiedenen Crostini, belegt mit Oliven-Tapenade, Tomaten, Paprikacreme. In der Küche waren derweil die Wurstschneidemaschinen angeworfen worden, als nächstes folgte ein Tablett mit vier ganz guten Sorten Salami. Dann kam Bresaola mit einer frischen Salsa Verde. Womit wir beim Pastagang waren: hausgemachte Spaghetti mit Bärlauch-Pesto, die, wie die Bresaola-Scheiben, etwas sehr trocken wirkten. Den Käse dazu durfte man sich mit bereitgestellten Reiben selber raspeln. Vorab hatte uns der Padrone wegen der reichlichen Portionen vor zu viel Brotgenuss gewarnt. Aber das Menü ist so überlegt kombiniert, dass man auch nach sechs Gängen noch Appetit auf die Hauptgerichte hat, butterzarten Kräuterlammbraten und Weintrauben-Hähnchen in einer frühlingshaften Estragonsauce. Zum Nachtisch gab es Rumtörtchen mit Eis und marinierten Erdbeeren. Vegetarier bekommen ein eigenes Menü, müssen das aber bei der Reservierung anmelden.

Der saubere Wein kommt direkt aus dem Fass und trinkt sich leicht und angenehm weg. Dass die Teller zwischen den Vor- und Hauptgerichten wenigstens einmal gewechselt werden, man das Besteck aber bis ganz zum Schluss behalten muss, hat was allzu Familiäres. Falls doch mal was verändert werden soll, würde ich einen Spülgang zwischendrin ganz oben auf die Liste setzen.

Schon damals fielen uns Pappkartons auf, die dem ohnehin von Enge geprägten Ambiente etwas Unaufgeräumtes verliehen. Und natürlich zieht sich das Mahl sehr in die Länge. Berlin ist schneller geworden in den Jahren, es braucht entsprechend mehr Geduld, sich so viel Zeit zu nehmen für ein Abendgelage. Das gewachsene Gesundheitsbewusstsein muss man für diese bacchantische Völlerei ebenfalls mal kurz zur Ruhe betten.

Dass dieses Lokal trotz allem über die Jahre so populär geblieben ist, zeigt, dass sich in der Stadt der Singles eine tiefe Sehnsucht nach den Festmählern der Großfamilie erhalten hat.

Hostaria del Monte Croce, Mittenwalder Str. 6, Tel: 6943968

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