Kolumne: Von Tisch zu Tisch : Neu

Der alte Backsteinbau in den Heckmannhöfen sieht schon von außen so aus, als könne man hier gut Feste feiern.

Elisabeth Binder

Der alte Backsteinbau in den Heckmannhöfen sieht schon von außen so aus, als könne man hier gut Feste feiern. Im Erdgeschoss zieht sich das Restaurant „Neu“ mit dicken Windlichtern auf weiß gedeckten Tischen durch einen kunstvoll gestalteten Innenraum, weiter durch den kleinen gläsernen Wintergarten bis in den efeuumrankten Garten hinaus. Der Besitzer, ein studierter Erdkundelehrer mit Club-Erfahrung, wollte mit dem Restaurant offenbar eine Art Gesamtkunstwerk schaffen. Dazu gehören die bequemen britischen Designerstühle aus Kunststoff, die regelmäßig wechselnden Bilder aus der Galerie Tristesse und die durchdachte Lichtkomposition. Akzente setzen malerische alte Holzkisten und wunderbar duftende Blumentöpfe mit Lilien drin. Oben gibt es einen kleinen verspiegelten Raum mit Bar, roten Hockern und einigen Sitzgelegenheiten, die wie Thronsessel wirken. Manche Gesellschaften mieten tageweise das ganze Haus, erzählte uns die nette Kellnerin.

Wir waren an einem normalen Restauranttag da. Die ganze Atmosphäre des vom Touristenrummel der Oranienburger Straße angenehm ruhig und zurückgezogen liegenden Restaurants machte schon einen angenehmen Eindruck. Trotz der modernen Einrichtung wirkt nichts geschniegelt, dem Wintergarten merkt man zwar an, dass er auf dem Dach auch mal von Vögeln heimgesucht wird, aber das stört nicht wirklich. Auch die fröhlich laute italienische Touristengruppe, die sich vorübergehend niederließ und nichts als Drinks wollte, konnte den Oasencharme nicht stören, zumal sie zügig und professionell bedient wurde.

Zum Aperitif, einem sehr dezent moussierenden Rosé Secco aus dem Rheingau namens „Pearls and Roses“ (3,50 Euro) gab es frisches, krustiges Brot mit einem Kräuter-Frischkäse-Dip. Die Weinkarte ist klein, aber überlegt zusammengestellt. Exoten fehlen, uns gefiel an dem 2007er fränkischen Silvaner von LandArt Weinbau schon das verheißungsvolle Etikett, dem der trockene Inhalt nicht nachstand.

Die säuerlich sahnige Sauerampfersuppe hatte einen frühsommerlich frischen Geschmack, und neben der Terrine lagen zwei köstliche, mit Flusskrebs gefüllte Wan Tan (6,50 Euro). Der Nizza-Salat war so liebevoll zubereitet aus erstklassigen Zutaten, dass man ihm gern eine Goldmedaille geben würde, weil er zeigte, wie man mit kleinen Variationen des Gewohnten einen Klassiker zur echten Delikatesse aufwerten kann. Statt des oft verwendeten Büchsen-Fischs gab es hier zarte Würfel vom frisch gebratenen Thunfisch, statt des üblichen Hühnereis ein kleines Wachtelei, dazu sehr gute grüne Bohnen, Kartoffeln und Tomaten. Die kleine Portion kostet 8,50 Euro, die große 11,50 Euro.

Auch bei den Maultaschen vom Kalb gab es die Möglichkeit, sie in einer großen (13 Euro) oder kleinen Portion (9,50 Euro) zu bestellen, wobei uns die kleine Portion reichte, obwohl die Fleischfüllung so köstlich war wie der offensichtlich selbst gemachte, glänzende Teigmantel und die Kohlrabi ebenso gut dazu passten wie die frischen Erbsen.

Die zarte rosa Lachsforelle lag mit Haut auf einem köstlichen Bett von Gemüsemaultaschen, Erbsen und Erbsenschoten, Pfifferlingen und Kohlrabibäckchen (17 Euro). Bei den Zutaten stimmte wirklich jedes Detail. Und auch die Desserts ließen keinen Wunsch offen und waren nicht zu schwer. Zu den gratinierten Erdbeeren passte das sanfte Kokos-Eis erstaunlich gut (6,50 Euro), und das dunkelsüße Schokoladenparfait im Baumkuchenmantel war mit frischen Früchten pittoresk garniert (7,50 Euro).

Die Karte wechselt regelmäßig, und weil sie so klein ist, kann man darauf vertrauen, dass alles wirklich so frisch zubereitet ist, wie es uns schmeckte. Auch was an den Nachbartischen serviert wurde, roch ausgesprochen verheißungsvoll. Die Hoflage hat natürlich den Nachteil, dass viele Leute einfach daran vorbeilaufen werden. Dies ist aber ein Restaurant, das für Genießer sorgfältig zubereiteter regionaler Küche mit ferienhaften mediterranen Anmutungen auch mal eine Extraanreise lohnt.

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