Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Sage Club

Ribye vom Sellerie

So stellt man sich Kreuzberg vor: Die Wände in der alten Seidenspinnerei sind gar nicht oder extrem gekonnt verputzt, lassen Graffiti dezent erahnen. Die Köche in der zum Gang hin offenen Küche tragen Piratentücher oder Basecaps auf dem Kopf. Die Kellner sind freundlich, aber ahnungslos, und auf glänzenden weißen Polsterbänken genießen Rich Kids aus Zehlendorf & Co das Leben und die Liebe. Das Ambiente im Sage Club hat diese Romantik des ewigen Verfalls, die Eleganz und Hedonismus so diskret umhüllt, wie eine von Designer-Löchern sorgfältig zersiebte Jeans die wohlgeformten Beine eines Top-Models. Und den Prosecco gibt es in zwei Varianten, im Club-Stil auf Eis, 0,2l, für 7,50 Euro, und unverwässert in der puren 0,1 Version für 4 Euro. So viel Präzision und Ehrlichkeit heben die Laune, und wenn einem die Lehrer von Berlins ältester Bar-Schule via Karte dann auch noch erklären, was ein Aperitif eigentlich ist („ein appetitanregendes und meist alkoholisches Getränk, das vor dem Essen konsumiert wird, um den Appetit anzuregen…“), dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Das Knoblauch-Honig-Süppchen mit gebratenen Jakobsmuscheln war jedenfalls eine ebenso ungewöhnliche wie gelungene Kreation, apart und fein (5,50 Euro). Und zum guten Weißbrot gibt es nicht nur Butter, sondern auch eine hausgemachte Mayonnaise.

Während wir noch bei den Vorspeisen waren, fütterte ein Junge am Nachbartisch seine Liebste abwechselnd mit Küssen und Löffelladungen Crème Brûlée aus einer großen hübschen Schüssel.

Die Antipasti della Casa gibt es in verschiedenen Größen. Bei der kleinen Portion war vor allem der Teller klein, aber mächtig beladen mit guten schwarzen Oliven, zweierlei Salami, Parmaschinken, gebremst säuerlich eingelegten Pilzen und Paprika, gekonnt getrockneten Tomaten und einem Kapernapfel, das war schon mehr als Appetit anregend: fast Hunger stillend (6 Euro). Beim vegetarischen Hauptgericht, „Mire poix deluxe“, zeigt die Küche, dass sich unterm Piratentuch ein Feuerwerk der Kreativität verbergen kann. Es gibt ein „Ribeye vom Sellerie“, ein Gemüsesteak, angenehm unpaniert und mit Rote-Bete-Auge, köstlich gefüllte Lauchcannelloni und eine Knusperstange mit Liebstöckel drin. Sehr gelungen (15 Euro). Das fällt mir immer wieder auf: Restaurants, die ein junges Publikum pflegen, brillieren häufig mit ihren vegetarischen Gerichten. Auch das Leipziger Allerlei mit Flusskrebsen darf man sich nicht allzu traditionell vorstellen. Die Flusskrebse unterhielten sich bestens mit dem buttrigen Gemüse (13,50 Euro).

Einige einfache Fragen zu den Gerichten hatten die Kellner nicht beantworten können, was wir beim Liebstöckelcrisp zur Not noch durchgehen lassen wollten. Beim kleinen „Sage Cheese Portofolio“ fragten wir mehr aus Spaß noch mal nach, weil die drei Käsestückchen mit der sonst gezeigten Originalität nicht mithalten konnten. „Keine Ahnung“, sagte die Kellnerin, schickte aber netterweise den Koch, der mit achtbarer Grandezza erklärte: „Dies ist ein Camenbert, das ein Blauschimmelkäse, aber kein Roquefort…“ Die Auskunft „langweiliges Zeug aus dem Supermarkt“ wäre auch treffend gewesen. An der Stelle könnte noch aufgerüstet werden (8,50 Euro).

Ansonsten passten auch die guten Hausweine zum erfreulichen Gesamteindruck, der kühle, weiße, zartfruchtige Morador Blanco aus Navarra ebenso wie der tiefrote Tinto (Glas 3 Euro, Flasche 19 Euro). Neben dem weißen gibt es auch einen informelleren braunen Restaurantteil mit blanken Holztischen und natürlich die Draußen-Plätze, die man in bester Spreelage auch erwartet.

Neben Fleischgerichten aus Brandenburg (Hirschkalb) gibt es eine besonders an Sommerabenden willkommene Pizza-Auswahl, darunter die „Pizza Bambino“ zum selber zusammenstellen für die Kinder. Dass das Restaurant mit regelmäßigen Veranstaltungen auch noch ein Krankenhaus im Senegal unterstützt, werteten wir zusätzlich als gutes Zeichen für Ambition und Engagement. Die kleinen Knitterfalten lassen sich vor diesem Hintergrund ganz entspannt ausbügeln.

Sage Restaurant, Köpenicker Str. 18-20, Kreuzberg, Tel. 755 494 071, geöffnet täglich ab 11 Uhr.

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