Kolumne: Von TISCH zu TISCH : Solar

Garnelen-Curry mit Safran-Senfkornreis

Clubrestaurants sind die besseren Ausflugsrestaurants. Letztere ruhen sich gern auf ihrer guten Lage aus und mögen beim Essen nicht auch noch Ehrgeiz entwickeln. Clubrestaurants hingegen müssen sich anstrengen, weil sie eine verwöhnte Klientel haben. Vorzugsweise junge Leute aus gutem Elternhaus. Als Kinder wurden sie gesund ernährt, sind viel herumgekommen, haben ihr erstes Currygericht in Thailand und die erste Guacamole in Mexiko probiert. Die Generation Zitronengras weiß einen authentischen Geschmack von Nachgemachtem zu unterscheiden. Und sie liebt interessante Orte. Zum Beispiel solche, an die man durch einen Hinterhof gelangt. Und wenn man dann nach der Durchquerung eines kunstvoll ausgestatteten Entrees mit dem gläsernen Fahrstuhl an der Fassade hochfährt und Berlin als malerisches Bild am Erdboden zurücklässt, ist das mindestens ein guter Auftakt.

Der Retrolook und die schweren dunklen Hölzer mögen Geschmacksache sein, aber der Blick auf die Stadt ist herrlich. Das Haus ist nicht neu, deswegen blickt man tatsächlich durch altmodische Fenster und nicht durch Glaswände, aber das trübt das Vergnügen nicht. Clubrestaurants wie das Solar haben gern einen sehr professionellen Service. Eine Hostess führt uns zum Platz, weiße Lederbänke, Teelichter, alles stimmt. Kein Wunder, dass auch die restlichen Tische reserviert sind und wir nur in der zweiten Sitzung kurzfristig einen Tisch bekommen haben. Bald kommt eine nette Kellnerin mit schwarzer Brille. Sie ist sehr sachlich, aber auch humorvoll, zum Beispiel bei dem Hinweis auf die weiblichen Formen der Flasche, die den provencalischen Rosé, einen trockenen, kräftigen 2008er Château de Beaulieu, in sich birgt.

Zu verschiedenen Sorten knusprigen Baguettes gibt es einen leckeren, leichten Kräuterfrischkäse. Die kalte Melonensuppe hat einen indisch anmutenden satten Gelbton und eine feurige Würzung. Vom Tellerrand blickt eine große, knackfrische rosa Garnele auf den fruchtig sommerlichen Starter (7 Euro). Auch die klare Hühnersuppe mit Koriander und Zitronengras, mit einer reichen Gemüsejulienne, vielen knackigen Sprossen, Eierreis und einem Sesamlolli zum Eintauchen, hat diesen entspannten, aromatisch verspielten jungen Stil (7,50 Euro).

Zwei große Stücke von der Bresse-Poulardenbrust sind weiß und zart, die Haut ist pikant gewürzt. Dazu gibt es zwei orangeweiß melierte Kugeln Kartoffel-Karotten-Stampf und hellen Limonen-Oliven-Schaum. Köstlich. Nur mit den weißen Stangen Curry-Spargel habe ich etwas gefremdelt, nach meinem Geschmack passt das nicht zusammen. Als die Kellnerin darauf hinwies, dass auch die zartrosa Gänseblümchen essbar seien, habe ich etwas Komisches entdeckt: Es macht mir überhaupt nichts aus, Alligatorfleisch zu essen, aber bei Gänseblümchen werde ich umgehend zur Abstinenzlerin. Tut mir einfach leid darum (18,50 Euro).

Wunderbar scharf und aromenreich schmeckte auch das Garnelen-Curry mit Tomaten, Paprika, intelligent kombinierten Datteln und einem kräftigen Safran-Senfkornreis dazu (20 Euro). Das ist nicht überkandidelt, hebt sich aber von der Allerweltsküche deutlich ab und wird auch noch auf schönem Porzellan serviert. Für Curry-Allergiker bietet die Karte ein „Mama Spezial“, Rinderroulade mit Rotkohl und Kartoffeln zum studentenfreundlichen Preis von 9,50 Euro.

Das Solar heißt so, weil es zum Entspannen und Verweilen einladen will. Dass sie an diesem Abend mindestens zwei Sitzungen im Restaurant hatten, widerspricht dem nicht: Über eine Treppe kann man noch eine Etage höher in die Bar wechseln und dort beim Digestif auf der Schaukel die Stadt noch lange bei der Reise in die Sommernacht betrachten. Sieht so ein „Versuchslabor für freies Leben“ aus, wie die Betreiber es gerne sähen? Wir freuen uns schon über Orte, an denen man in jeder Hinsicht frische Speisen bekommt.

Auch die Champagnerkaltschale am Ende überraschte uns sehr positiv. Sie war wirklich eiskalt und moussierte so fruchtig rings um eine Kugel Mascarpone-Eis herum (7,50 Euro). Die Schale war der letzte Beweis in der Kette: Auch Kreuzberg ist mal einen Ausflug wert.

Solar, Stresemannstraße 75, Kreuzberg, Tel. 0163/7652700, täglich ab 18 Uhr, Reservierung empfohlen.

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