Kolumne: Von Tisch zu Tisch : Trattoria à Muntagnola

Uh, das klingt fies. „Futtern wie bei Muttern“ hat sich von der kulinarischen Heilsversprechung zum Signal für billigste Fernfahrerküche gewandelt.

Bernd Matthies
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Trattoria à MuntagnolaFoto: Kai-Uwe Heinrich

Uh, das klingt fies. „Futtern wie bei Muttern“ hat sich von der kulinarischen Heilsversprechung zum Signal für billigste Fernfahrerküche gewandelt. Das hat Muttern nicht verdient, obwohl sie vermutlich nicht besonders kochen konnte: Ihre Generation hat den Krieg durchlitten, bevor sie von Kochdarstellern wie Clemens Wilmenrod durch den Kakao gezogen wurde – was sollte dabei schon herauskommen?

Wie viel besser klingt es dagegen, wenn uns die „Cucina alla mamma“ versprochen wird! Wir sehen eine toskanische Trattoria vor uns, karierte Tischdecken, rauen Wein und eine selbstverständliche, von Olivenöl durchtränkte Sehnsuchtsküche. In Deutschland hat sie sich im Schatten der Pizza kaum etablieren können, vermutlich, weil sie nach Abzug der urlaubsbedingten Glückshormone nicht mehr ganz so attraktiv wirkt wie an ihrem Entstehungsort.

Immerhin: Berlin hat eine Trattoria mit integrierter Mamma, und das seit exakt 18 Jahren: die Trattoria à Muntagnola. Wir wollen mal dahingestellt sein lassen, ob Restaurants volljährig werden können, wie der Wirt Pino Bianco jetzt fröhlich behauptet; ein relativ seltenes Jubiläum ist es in der notorisch schnell drehenden Berliner Szene auf jeden Fall.

Als ich hier zum letzten Mal war, ging das kulinarische Kind noch in die Grundschule – und es hat sich seitdem sehr wenig verändert, eigentlich überhaupt nicht. Es kommt also auf das eventuell veränderte Auge des Betrachters an, und der hat sich hier wohler gefühlt als früher, weil die Trattoria als Insel im Sturm wechselnder mediterraner Moden eine eigene Qualität gewonnen hat, und das bei nach wie vor freundlichen Preisen.

Mamma Bianco schafft hier offenbar nach wie vor, aber man wird ihren Tätigkeitsschwerpunkt weniger in der abendlichen Küchenhektik als in der Aufsicht über die Vorspeisen- und Nudelklassiker der Küche der süditalienischen Basilicata vermuten dürfen. Also haben wir uns dem Angebot gefügt, für 30 Euro pro Person ein Menü aus eben jenen Vorspeisen und Nudelgerichten plus ein paar unsterblichen Desserts einnehmen zu dürfen, und das war gut so, denn mit den Hauptgängen sind wir hier in der Vergangenheit auch nie glücklich geworden.

Es kommt also ein großer, üppig beladener Teller, auf dem wir die guten alten Bekannten vollzählig und zufrieden begrüßen durften: in der Mitte die stolze, ausgezeichnet gelungene Auberginen-Caponata, daneben roher Fenchel mit Kapern-Sardellen-Creme, Oktopus-Salat, marinierte Champignons und süß eingelegte Austernpilze, Zucchini, Tunfisch in Paprika, zweierlei Käse, Schinken, scharfe Salami, dazu Ciabatta und gutes Olivenöl. Durchweg gelungen – und eine gute Alternative zu den rituellen Standard-Antipasti der Konkurrenz.

Bei den Nudeln kommt dann sogar ein kleines kreatives Element ins Spiel. Allerdings waren mir die Tagliatelle mit einem Kresseblüten-Pesto ein wenig öko-nüchtern, längst nicht so herzerfrischend würzig wie die noch breiteren Bandnudeln mit Lammsugo und die Ravioli mit Doraden-Safran-Füllung, alle drei auf einem Teller, getrennt durch einen niedlichen Rucola-Gartenzaun. Die Desserts kommen mit der Vorhersagbarkeit des Amens in der Messe: Tiramisu, Panna cotta mit Erdbeersauce, Semifreddo, Früchte, fertig. Wein war hier nie ein großes Thema, es gab halt immer welchen, rot oder weiß. Doch das hat sich sehr verbessert, zumal die Winzer der Basilicata viel gelernt haben. Mein Tipp: der geschmeidig-würzige Moscato secco der Cantina di Venosa (22,50). Sehr gut: kaltes Wasser für 2,50 pro Liter.

Der anhaltende Erfolg dieses Restaurants hat vermutlich gar nicht so sehr mit dem unspektakulären Essen zu tun, sondern eher damit, dass hier ein Gesamtkunstwerk aus Familiensinn, Küche und Nippes entstanden ist, das die Südsehnsucht des Berliners raffiniert ausnutzt. Hier merkt er überhaupt nicht, dass er nicht im Urlaub ist – und kann deshalb das Trattoria-Mamma-Gefühl ohne Abzug genießen.

Trattoria à Muntagnola, Fuggerstr. 27, Schöneberg, täglich ab 17 Uhr, Tel. 211 66 42. www. muntagnola. de

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