Kolumne: Von Tisch zu Tisch : Wiesenstein

Steinpilzmaultaschen auf Lauch

Bernd Matthies
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Wiesenstein, Rothenburgstr. 41, Steglitz, Tel. 797 857 50, täglich 12–24 Uhr, www.wiesenstein.de Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn ich jetzt hier schreibe, dass ich mein Restaurant des Jahres vorstelle, dann heißt es anschließend garantiert: Der hat offenbar nicht mehr alle Tassen im Schrank. Schwäbisch? Also fange ich mal ganz von vorn an. Warum das „Wiesenstein“? Die Antwort: Ich bin zufällig dran vorbeigekommen und habe beglückt festgestellt, dass es dort Alpirsbacher Klosterbräu gibt, das ich schlicht für eines der besten Biere dieses Planeten halte. Wer so etwas mit Mühe importiert, dachte ich, der kann kein ganz schlechtes Essen auftischen. Vielleicht sogar gutes?

Ja, und dann kamen eigentlich nur noch Köstlichkeiten, einfache, preisgünstige süddeutsche Küche, aber so sorgfältig und, ja, liebevoll zubereitet, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe. Klare Grundsaucen, präzis eingesetzte Kräuter, lebendfrische Salate. Die üppig mit Sahne angereicherte badische Schneckensuppe, leicht gratiniert, war nicht gerade leicht, schmeckte aber zum Tellerablecken, der aromatische Leberknödel in der Rinderbrühe zerfiel locker auf der Zunge, die angebratenen Steinpilzmaultaschen auf Lauch, meine Güte, was für eine Delikatesse, ach, und dann die wunderbar festen, golden knusprig angehauchten Bratkartoffeln ohne jegliche Brandspuren, die hier selbstverständlich „Brägele“ heißen, zu den Ochsenfetzen mit selbstgerührter Kräuterbutter.

Dieses bodenständige, aber eben mit professioneller Sorgfalt gemachte Gericht kostete übrigens 13,90 Euro. Hinterher noch gebackene, knusprige Apfelküchle mit Zimt, Zucker und Vanilleeis für weitere 4,50 Euro, und es läuft zu zweit mit Getränken eine Zeche von, sagen wir, 50 bis 60 Euro auf. Dieses Verhältnis von Preis und Qualität treibt Scharen von Gästen herein, und ich muss sagen, dass ich das sehr gut verstehe.

Nun gibt es noch ein Wiesenstein, schon älter, am Viktoria-Luise-Platz, gleiches Angebot, gleiche Karte. Ich bin auch dort hingegangen, um mal zu schauen, ob drunten in Steglitz vielleicht zufällig gerade ein Gastkoch brilliert und das Urteil verzerrt hat. Ergebnis: Dann muss er auch zufällig im anderen Restaurant gekocht haben. Prima Maultaschen in der Brühe mit süß geschmelzten Zwiebelwürfeln, kräftiger Hühnersuppentopf mit Gemüse, Schwarzwälder Schäufele mit separat knusprig gebackener Haut, köstlich, auf Rieslingkraut mit Spätzle, sogar, das muss man sich mal vorstellen, ein eigentlich prähistorischer „Schwabenteller“ mit zwei Schweinefilets, viel Sahne, Spätzle, kleinen Maultaschen und einem Kartoffelsalat, wie er besser nicht zu machen ist. Mampf. Schmatz.

Ja, ich hätte mir das Kraut etwas saurer und ohne die hier praktizierte Kartoffelbindung gewünscht, aber das ist nun wirklich Geschmackssache. Ein Essen zum Sattwerden, keine Diät, keine Gourmetküche. Aber wer sowas nicht ab und zu mal genießen kann, wenn es so gut gemacht ist wie hier, der hat ein Problem mit seinen Ansprüchen.

Diesmal trieben wir die Rechnung auf knapp 65 Euro, das war schon nicht ganz einfach. Dass man hier so günstig davonkommt, liegt natürlich auch daran, dass es ausschließlich einfache, rustikale Weine gibt, die überwiegend von der großen Remstalkellerei stammen und zwischen 4,50 und 5,50 Euro für das echte Viertel verkauft werden. Nun ja: Es hat in Württemberg – selbst in dieser Kellerei – so viel Besseres, dass die Weinkarte für meinen Geschmack gern deutlich ausgebaut werden darf. Aber da ist ja auch noch das formidable Alpirsbacher . . .

Loben will ich noch den Service, vor allem den länger eingespielten am Viktoria-Luise-Platz. Freundlich, aufmerksam, präzise, das gelingt vielen Edel-Restaurants nicht annähernd so gut. Einer der Kellner sah, dass die Spätzle zum Schäufele etwas stark in Butter schwammen – und eilte hinterher mit einem vortrefflichen Kräuterschnaps herbei. Überhaupt ist das Schöneberger Stammhaus anheimelnder eingerichtet, hell, mit skurriler Schwabenkunst an den Wänden; der Steglitzer Ableger atmet noch die spießige Atmosphäre eines Vorgängerbetriebs aus. Aber das sind Petitessen, die den bodenständigen Genuss nicht schmälern. (Viktoria-Luise-Platz 12a, Tel. 219 1 24 05).

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