Kolumne : Vorsorge mit Fragezeichen

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Früherkennung bei Prostatakrebs

Hartmut Wewetzer
Wewetzer
Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vor kurzem habe ich an dieser Stelle über ein Medikament berichtet, mit dem man Prostatakrebs unter Umständen vorbeugen kann. Tut mir leid, dass ich jetzt schon wieder über diese leidige Krankheit berichten muss, aber der Grund wird Sie hoffentlich überzeugen. In dieser Woche wurden zwei große Untersuchungen veröffentlicht, die sich mit der Früherkennung von Prostatakrebs beschäftigen – eine wirklich wichtige Sache, denn schließlich ist diese Krankheit der häufigste bösartige Tumor des Mannes. Das Ergebnis der Studien ist, um es gleich vorwegzunehmen, leider eher ernüchternd.

Die kastaniengroße Prostata oder Vorsteherdrüse liegt unterhalb der Blase und umschließt die Harnröhre. Also ganz im Verborgenen, auch wenn die Beschaffenheit der Prostata vom Mastdarm aus zu ertasten ist. Dafür gibt es einen einfachen Bluttest, der wichtige Hinweise gibt, ob Krebs vorliegt. Der PSA-Test weist ein Eiweiß aus der Prostata im Blut nach. Allerdings ist der PSA-Wert häufig erhöht, ohne dass es Grund zur Sorge gibt. Zudem bekommen viele ältere Männer Prostatakrebs, ohne dass dies von Bedeutung ist. In den meisten Fällen wächst der Krebs nur langsam und bleibt harmlos. Aber nicht immer. Die Kunst besteht darin, herauszufinden, wann es sich um einen gefährlichen „Raubtierkrebs“ handelt, im Gegensatz zum viel häufigeren „Haustierkrebs“.

Die Früherkennung mit dem PSA-Test kann Krebs aufspüren. Vielleicht, so die Hoffnung, rechtzeitig genug, um das Leben des betroffenen Mannes zu retten. Aber eine der beiden nun veröffentlichten Untersuchungen enttäuscht diese Erwartung. 77 000 Amerikaner nahmen an der Studie des Nationalen Krebs-Instituts der USA teil. Die eine Hälfte wurde regelmäßig zum PSA-Test gebeten, die andere nicht. Das Ergebnis nach zehn Jahren, online im Fachblatt „New England Journal“ veröffentlicht: Kein Unterschied in beiden Gruppen, was die Sterblichkeit an Prostatakrebs angeht. Also kein Überlebensvorteil.

Etwas besser war das Resultat einer europäischen Studie, an der sogar 182 000 Männer im Alter zwischen 55 und 69 teilnahmen. Hier starben in der PSA Gruppe in einem Zeitraum von neun Jahren 20 Prozent weniger an dem Krebs. Auf 10 000 Männer, die am PSA-Testprogramm teilnahmen, kamen sieben Prostatakrebs-Todesfälle weniger. 48 Männer mussten dabei zusätzlich – und überflüssigerweise – behandelt werden, um einen Todesfall zu verhüten. Trotzdem wertet Gralf Popken, Leiter des Prostatazentrums im Helios-Klinikum in Berlin-Buch das Ergebnis als Erfolg. „20 Prozent weniger – das ist eine ganze Menge.“

„Jeder Patient muss für sich selbst entscheiden, ob er an der Früherkennung teilnehmen will“, sagt Christian Klopf, Urologe am Berliner Auguste-Viktoria-Klinikum. Dem ist wenig hinzuzufügen. Viele Menschen wollen ganz einfach Gewissheit haben, dass da „nichts ist“. Auch auf die Gefahr hin, unnötig behandelt zu werden. Dieses Risiko muss man kennen. Natürlich, bevor man den PSA-Test macht.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?
Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de. Hartmut Wewetzers gesammelte Kolumnen gibt es auch in Buchform. Erschienen sind sie im Ullstein-Verlag unter dem Titel "Der Brokkoli-Faktor und andere gute Nachrichten aus der Medizin". 185 Seiten, 7 Euro 95.

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