Kolumne : Was Gelenke schmiert

Unser Gesundheitsexperte Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Ist Bewegung ein Mittel gegen Arthrose?

Hartmut Wewetzer
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Hartmut Wewetzer ist Leiter des Wissenschaftsressorts.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Vor dem Sport kommt die Überwindung. Mit der ist es im Moment so eine Sache. Joggen im Schneematsch oder Radfahren auf glitschigem Eis? Nicht gerade verlockend. Das Wetter ist eine hervorragende Ausrede, um es sich in diesen Tagen zuhause gemütlich zu machen und dem Trägheitsgesetz zu erliegen. Dabei gibt es eine neue Untersuchung, die einen verbreiteten Anlass für Bedenken zerstreut: Richtig betriebener Freizeitsport, lautet die zentrale Aussage, schadet den Gelenken nicht – im Gegenteil!

Der Gelenkverschleiß, Arthrose genannt, macht sich durch Gelenkschmerzen und Bewegungseinschränkungen bemerkbar. Entscheidend dabei ist der Knorpel. Er bedeckt die Gelenkflächen wie ein Polster. Bei Arthrose ist er abgerieben oder verschwunden. Zudem ist der Gelenkspalt schmal, die Gelenkhaut entzündet, das Knochenwachstum krankhaft verändert. Meist trifft es Knie- und Hüftgelenk. Mit den Jahren und dem Körpergewicht steigt das Risiko, auch die Veranlagung ist von Bedeutung.

Und der Sport? David Hunter von der Universität Boston und Felix Eckstein von der Paracelsus-Universität in Salzburg haben ausgewertet, was die Wissenschaft über den Zusammenhang von Bewegung und Gelenkverschleiß herausgefunden hat. Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass Menschen mit intakten Gelenken, die moderaten Freizeitsport treiben, kein erhöhtes Risiko für Arthrose in Knie oder Hüfte haben. Nicht so günstig sieht es beim Leistungssport aus. Er belastet die Gelenke und erhöht das Verletzungsrisiko. Die wiederum sind oft Nährboden der Arthrose.

„Der Knorpel hängt am Tropf der Bewegung“, sagt Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Denn der Knorpel wird nicht über den Blutstrom, sondern via Gelenkflüssigkeit ernährt. Deshalb ist Bewegung gut für den Knorpel – die Nährstoffe aus der Gelenkflüssigkeit werden dabei „eingewalkt“, sagt Froböse. „Freizeitsport hilft, die Gelenke besser und länger in Schuss zu halten.“ Auch deshalb, weil er Muskeln, Bänder und die Gelenkkapsel kräftigt, also das „Drumherum“ des Gelenks.

Wichtig für Anfänger: Steigern Sie Ihre Leistung allmählich, muten Sie Ihren Gelenken nicht zuviel zu. Gönnen Sie ihnen Ruhepausen – Untrainierte sollten 48 Stunden an Ruhezeit einplanen, Trainierte zwölf bis 36 Stunden, rät Froböse. Eher skeptisch ist der Experte, was den Trend zu immer stärker gedämpften Laufschuhen angeht. Solche Schuhe sind allenfalls etwas für Anfänger. Auch wenn sie auf den ersten Blick mehr Laufkomfort versprechen – die Gelenke belasten sie mehr als Schuhe, in denen man nicht wie auf Watte läuft.

Wenn es beim Freizeitsport ziept, sollte man das ernst nehmen. „Schmerzen bedeuten, dass man etwas falsch macht“, sagt Fernando Dimeo, Sportmediziner an der Berliner Charité. Also nicht einfach die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Ansonsten aber gilt: Überwinden Sie Ihr Trägheitsmoment!

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