Kolumne: WISSENSHUNGER : Angriff der Klonkühe

Manche Wörter dienen nur einem Zweck: eine sachliche Debatte zu verhindern.

„Klonmilch“ zum Beispiel. Wer sieht da nicht eine leichenblasse Zombieflüssigkeit vor sich! Aber was soll das eigentlich sein? Milch, die aus genetisch identischer Milch hergestellt wurde? Im Labor Fetttröpfchen für Fetttröpfchen dupliziert und dann vom Erlenmeyerkolben direkt in die Milchflasche gefüllt? Oder etwa die Milch von Kühen, die geklont wurden? Selbst das ist nicht richtig. „Klonmilch“ ist Milch von Nachkommen eines geklonten Tieres.

In England jedenfalls ist das Wort en vogue. Eine Zeitung hat aufgedeckt, dass dort mehrere Bauern Milch und Fleisch von Nachkommen geklonter Kühe verkauft haben. „Zumuhtung“, schreien jetzt die berüchtigten Boulevardzeitungen und fordern vermutlich bald die „Euternasie“ der Klonkühe.

Dabei ist „Klonmilch“ schlicht Milch und „Klonfleisch“ schlicht Fleisch. Unterschiede konnten nicht festgestellt werden. Die amerikanische Lebensmittelbehörde FDA und die europäische EFSA kommen zum gleichen Schluss: Es gibt keine Anzeichen, dass Klone oder deren Nachkommen ein Risiko darstellen. Es gibt auch keinen plausiblen Grund, warum das so sein sollte.

Beim Klonen nehmen Forscher eine Eizelle und tauschen ihren Zellkern gegen den eines erwachsenen Tieres aus, im englischen Fall einer preisgekrönten Holsteinkuh namens „Vandyk-K Integrity Paradise“. Die Eizelle gaukelt dem Zellkern vor, er sei wieder ein Embryo, und die Zelle beginnt sich zu teilen. Der Zellhaufen wird einer Leihmutterkuh eingepflanzt und eine Kuh wird geboren, genetisch identisch mit der Preiskuh.

Niemand käme allerdings auf die Idee, diesen Klon zu schlachten. Dafür ist die Prozedur schlicht zu teuer. „Die Zucht ist hierarchisch organisiert“, erklärt Heiner Niemann vom Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit. „An der Spitze der Pyramide stehen besonders wertvolle Kühe oder Bullen, deren Gene besonders viel Milch oder Fleisch versprechen.“ Nur bei diesen Tieren lohnt sich der Aufwand, und sie sollen hinterher nur eines tun: Ihr wertvolles Erbgut weitergeben. Dafür werden – ganz klassisch – Kuh und Bulle zusammengebracht, um ganz natürlich Nachkommen zu zeugen, deren Milch auch ganz normal ist.

Aber „Klonmilch“ klingt ungesund, das Wort soll Ängste schüren. Dabei liegt ihm eine falsche Auffassung von Natur und Künstlichkeit zugrunde. Wenig von dem, was wir essen, ist nicht vom Menschen massiv verändert worden, ob Tier oder Pflanze. Die Milch im Supermarkt kommt heute von hochgezüchteten Leistungskühen, die vor Euter kaum gehen können. Die glückliche Kuh auf der saftigen Weide gibt es leider nur in der Werbung.

Trotzdem gibt es gute Gründe, gegen das Klonen von Nutztieren vorzubringen. Das Verfahren ist noch experimentell, die Reprogrammierung der Zelle funktioniert mal besser, mal schlechter. Nur etwa jeder fünfte Klonembryo, der einer Leihmutter eingepflanzt wird, schafft es zur Geburt, manche Tiere haben schwere Gesundheitsschäden. Darum geht es also eigentlich: um Tierschutz und Ethik. Nicht um „Klonmilch“.

Kai Kupferschmidt arbeitet im Wissenschaftsressort des Tagesspiegels.

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