Kolumne: WISSENSHUNGER : Bakterien im Essen

Dr. Hartmut Wewetzer hat Urlaub. Kai Kupferschmidt vertritt ihn und schreibt über Essen und Gesundheit

In der Regel mögen wir unser Essen so keimfrei wie möglich. Seit ich einmal in einem kleinen Dorf in Guatemala eine Schokoananas am Straßenrand gekauft habe, weiß ich auch genau wieso. Nur bei probiotischen Lebensmitteln ist alles anders. Da werben die Hersteller sogar damit, dass Bakterien im Essen sind. Natürlich nicht die üblichen Vollstrecker von Montezumas Rache, sondern wahre Wohlfühlkeime, die ganz ohne Nebenwirkungen die Abwehrkräfte stärken, Allergien mildern oder den Cholesterinspiegel senken sollen.

Nur: Bewiesen ist davon kaum etwas. „Gut belegt ist, dass Probiotika bei Kindern helfen, Durchfälle durch Antibiotika oder Viren zu verhindern und zu lindern“, sagt Ingo Autenrieth, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Mikrobiologie am Universitätsklinikum Tübingen. Auch bei einigen chronischen Entzündungserkrankungen des Darms wie Colitis ulcerosa gebe es Anzeichen für einen Therapieeffekt. „Die meisten anderen Sachen sind eher Geldmacherei und medizinisch bisher nicht belegt“, sagt er.

Hinzu kommt, dass die Ergebnisse zu einem Probiotikum nicht verallgemeinert werden können. „Jeder Bakterienstamm ist anders und hat auch ganz andere Wirkungen“, sagt Andreas Sturm, Gastroenterologe an der Charité. Er forscht vor allem am Bakterium Escherichia coli Nissle. Der Stamm ist in Apotheken erhältlich und hat in wissenschaftlichen Studien Erfolge bei Colitis ulcerosa gezeigt. Die gängigen Probiotika, die aus den Kühlregalen des Supermarktes mit vollmundigen Versprechen locken, werden aber vor allem von gesunden Menschen getrunken. „Gerade da fehlen aber wissenschaftlich fundierte Nachweise für einen positiven Effekt.“

Auch dass Probiotika keine Nebenwirkungen haben können, hat sich als naives Wunschdenken herausgestellt. Tatsächlich können Probiotika Menschen sogar umbringen – allerdings nur unter besonders ungünstigen Umständen. So veröffentlichte eine niederländische Arbeitsgruppe 2008 im Fachblatt „Lancet“ das schockierende Ergebnis einer klinischen Studie: Sie hatten fast 300 Patienten mit einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung in zwei Gruppen geteilt. Die eine erhielt zusätzlich zur Flüssignahrung zweimal täglich Probiotika. Am Ende der Studie waren in der Gruppe, die keine Probiotika erhielten, neun Menschen gestorben, in der Gruppe, die Probiotika erhielten, 24. „Im Nachhinein war das aber auch eine sehr schlechte Idee“, sagt Autenrieth. Schließlich sei bei diesen schwerkranken Menschen die Barrierefunktion des Darms gestört gewesen.

Seit Mediziner und Ernährungswissenschaftler ernsthaft an Probiotika forschen, haben sich auch andere Thesen über die guten Keime erledigt. So ist inzwischen klar, dass sie sich nicht dauerhaft im Darm ansiedeln. Meist sind sie nur wenige Tage im Stuhl nachweisbar. Was genau sie in dieser kurzen Zeit verändern und bewirken können, das beginnen die Wissenschaftler gerade erst zu enträtseln. Für die Heilsversprechen der vermeintlichen Gesundheitserreger gilt daher, was auch für guatemaltekische Schokoananas gilt: Sie sind mit Vorsicht zu genießen.

Kai Kupferschmidt ist Molekularbiomediziner und arbeitet im Wissenschaftsressort des Tagesspiegel.

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