Kolumne: Wissenshunger : Enttäuschende Cranberrys

Kennen Sie die Großfrüchtige Moosbeere? Nein? Wahrscheinlich ist ihnen die Frucht schon häufiger begegnet, allerdings unter dem Namen „Cranberry“. In einem Cosmopolitan etwa gehört ihr Saft neben Cointreau und Wodka zu den wichtigsten Zutaten. Und wenn Sie die 90er-Jahre und ein paar sexbesessene New Yorkerinnen nicht verschlafen haben, dann haben Sie irgendwo in dem „Sex and the City“-Hype zumindest von dem Cocktail schon einmal gehört.

Als Großfrüchtige Moosbeere wäre dem Früchtchen der Weltruhm vermutlich verwehrt geblieben. Aber weil „Cranberry“ irgendwie „healthy“ und „sexy“ klingt, ist die Beere inzwischen ihrem Schattendasein als Barkeeperbeigabe entkommen und wird als Gesundheitsbeere gefeiert. Sie soll das Gedächtnis verbessern, im Mund Bakterien bekämpfen, Krebs vorbeugen und – sollte man das zu spät erfahren haben – noch die Nebenwirkungen der Chemotherapie mildern. Das Übliche halt. Und wie üblich gibt es keine guten Beweise für irgendeine dieser Behauptungen.

Tatsächlich gibt es nur einen wichtigen Gesundheitseffekt, der seit Jahren von vielen Wissenschaftlern ernsthaft erforscht wird: Cranberrys sollen vor Blasenentzündungen schützen. Diese Forschung ist durchaus interessant. Lange glaubte man, die Beeren würden den Urin ansäuern und so den Bakterien den Garaus machen. Das ist inzwischen überholt. Offenbar birgt die Beere Substanzen (Proanthocyanidine), die verhindern, dass sich Bakterien an den Zellen im Harnweg ansiedeln können.

Die entscheidende Frage ist natürlich: Hilft das auch tatsächlich? Und wie viel Cranberrysaft muss ich dafür trinken? Die Antwort fällt umso enttäuschender aus, je weiter die Forschung voranschreitet. So kamen Wissenschaftler der angesehenen Cochrane-Collaboration noch 2008 zu einem vorsichtig positiven Ergebnis: Es gebe einige Hinweise, dass Cranberrys das Risiko einer Blasenentzündung reduzierten, besonders bei Frauen, die häufiger unter Blasenentzündungen litten, urteilten die Autoren, nachdem sie zehn Studien mit insgesamt 1049 Teilnehmern ausgewertet hatten.

Im Oktober 2012 haben die Forscher ein Update vorgelegt. Nun konnten sie auf 24 Studien mit insgesamt 4473 Teilnehmern zurückgreifen. Und ihr Ergebnis fällt ernüchternd aus. In einigen kleineren Studien zeige sich zwar ein positiver Effekt, aber zusammengenommen zeigten die Studien keinen bedeutsamen Unterschied zwischen Frauen, die Cranberry-Saft tranken, und Kontrollpersonen. Der Saft sei deshalb nicht zur Vorbeugung von Blasenentzündungen zu empfehlen.

Offenbar fanden viele Studienteilnehmer den Saft auch nicht so schmackhaft, wie er ihnen gemacht werden sollte. Viele hätten die Einnahme frühzeitig abgebrochen, schreiben die Autoren.

Bei aller Unsicherheit über den Nutzen, eine Sache steht fest: Cranberrys schmecken von Natur aus ziemlich sauer. Ein durchschnittlicher Cranberry-Saft enthält deshalb mehr Zucker als Cola oder andere Softdrinks – und das ist natürlich weder gesund noch hilfreich für die Hüften. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Carrie Bradshaw und die anderen Ladies den Saft lieber mit Alkohol verdünnen.

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