Kolumne: Wissenshunger : Hysterische Hühner

Nicht genug, dass das Essen, das uns serviert wird, fett, vergiftet und ungesund ist. Die Tiere werden auch noch mit Antibiotika zugepumpt. Das ist doch ein Skandal! So oder so ähnlich haben die meisten meiner Bekannten auf die Nachricht reagiert, dass die Naturschutzorganisation BUND antibiotikaresistente Keime auf zehn von zwanzig Hühnerbrüsten gefunden hat.

Dabei ist diese Empörung mindestens so billig wie die berüchtigten Supermarkt-Hähnchen für 2,99 Euro.

Zunächst zur „Studie“ des BUND: Kein Fachblatt der Welt würde diese wohl veröffentlichen. Um ein realistisches Bild davon zu bekommen, wie viel resistente Keime sich auf Hühnerbrüsten tummeln, braucht es mehr als 20 Hühner. Die Zahl 50 Prozent ist also mit Vorsicht zu genießen, die Hiobshühner kein Grund zur Hysterie. Dass ausgerechnet diese Studie so viel beachtet wurde, hat mit guter PR zu tun, nicht mit guter Wissenschaft.

Der Befund an sich ist aber unstrittig: Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat schon 2010 Daten aus dem „Resistenz-Monitoring“ veröffentlicht. Demnach sind etwa Salmonellen und E. coli vom Geflügel häufig gegen die besonders wichtigen Fluorchinolone resistent. Ist das gefährlich? Jein. Die Keime sind gegen Antibiotika resistent, nicht gegen Küchenhygiene. Wird das Fleisch durchgegart und verschiedene Bretter und Messer für rohes Fleisch und Gemüse verwendet, ist der Verbraucher auf der sicheren Seite. Selbst wenn sich ein Mensch mit Salmonellen infiziert, macht es meist keinen Unterschied, ob die Keime resistent sind oder nicht. Die Erkrankung ist nach einigen Tagen ausgestanden, ohne dass Antibiotika eingesetzt wurden.

Wichtiger ist das grundsätzliche Problem: Wie so manche Waffe werden Antibiotika stumpfer, je mehr sie eingesetzt werden. Resistente Bakterien vermehren sich, die Resistenzgene werden von Keim zu Keim weitergegeben. Antibiotika gleichen einer natürlichen Ressource, und wir müssen sparsam mit ihnen umgehen.

So zu tun, als könnte die Landwirtschaft ganz ohne Antibiotika auskommen, ist Unsinn. Wo Leben ist, da gibt es auch Krankheiten. Laut Tierschutzgesetz hat ein krankes Tier ein Recht auf eine adäquate Behandlung – das heißt bei vielen Infektionskrankheiten eben auch Antibiotika.

Selbst deren Einsatz zu reduzieren, hält Stefan Schwarz vom Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit für unrealistisch: „Viel wichtiger ist es, Antibiotika zielgerichtet einzusetzen, aber auch die Bestandstrukturen zu ändern und das Betriebsmanagement zu optimieren.“ Denn billiges Fleisch setzt große Betriebe voraus. Tiere aus verschiedenen Farmen kommen auf den Viehmarkt, werden transportiert, zu neuen Mastgruppen zusammengestellt, das Futter verändert sich. Das sind Stressfaktoren, die den Ausbruch von Krankheiten begünstigen, sagt Schwarz. Kleinere Gruppen, bessere Hygiene und vorbeugende Impfungen könnten dazu beitragen, den Antibiotika-Einsatz zu verringern. Überflüssig können sie ihn nicht machen.

Es ist vor allem der sorglose Umgang mit Antibiotika in der Humanmedizin, der Resistenzen begünstigt. Anstatt uns über resistente Bakterien auf dem Broiler zu beschweren, sollten wir uns lieber Empörung für uns selbst aufsparen – und bei der nächsten Erkältung nicht gleich ein Antibiotikum vom Arzt verlangen.

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