Kolumne: WISSENSHUNGER : Schlauer essen

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihr Essen aus? Soll es Ihnen einfach nur schmecken? Oder gibt es da noch ein paar andere Dinge: Wollen Sie schlank bleiben, nicht nach Knoblauch riechen, das Risiko eines Herzinfarktes senken?

Was, wenn Sie nicht nur die Waage entlasten oder Ihr Cholesterin senken, sondern auch Ihren Intelligenzquotienten erhöhen wollen?

In den Weiten des Internets sind jede Menge solcher Friss-dich-intelligent-Diäten zu finden. Und manch selbst ernannter Experte stellt einen Schlaumeier-Speiseplan zusammen: Fisch, wegen der Omega-3-Fettsäuren, Rotwein, wegen Resveratrol, das angeblich die Gehirnzellen anregt, Blaubeeren, wegen der Antioxidantien – fertig ist das Menü für Mitglieder des Intelligenzlervereins Mensa. „Wissenschaftlich ist das nicht abgesichert“, sagt dagegen Gerhard Rechkemmer, Präsident des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel. Es gibt keinen Stein der Weisen, der Kalorien in IQ-Punkte verwandelt.

Forscher der Universität Bristol haben allerdings verkündet, dass die Ernährung zumindest in frühen Jahren tatsächlich einen Effekt auf die Intelligenz haben kann. Sie hatten tausende Eltern in Fragebögen ausfüllen lassen, wie häufig ihre Kinder verschiedene Lebensmittel zu essen bekamen und Jahre später IQ-Tests gemacht. Das Ergebnis: Kinder, die im Alter von drei Jahren besonders viele Lebensmittel mit hohem Zucker- und Fettgehalt zu sich nahmen, Chips, Schokolade, Fertigessen zum Beispiel, hatten im Alter von achteinhalb einen niedrigeren IQ als die anderen Kinder. „Das Fünftel der Kinder, die am meisten von diesen Nahrungsmitteln bekamen, schnitt später im Schnitt 5 Punkte schlechter beim IQ-Test ab als das Fünftel, das die wenigsten dieser Nahrungsmittel bekommen hatte“, sagt Pauline Emmett, eine der Forscherinnen.

Das Problem mit derartigen Studien ist, dass es für den Effekt auch andere Erklärungen geben könnte. So gibt es einen Zusammenhang zwischen soziokulturellem Status der Eltern und Intelligenz des Kindes. Der Status beeinflusst aber auch, was die Kinder zu essen bekommen. Diesen Effekt haben die Forscher zwar bereits eingerechnet, trotzdem ist nicht auszuschließen, dass so eine Störgröße den Zusammenhang erklärt. Skeptisch macht auch, dass bei keiner anderen Ernährung und in keinem anderen Alter als bei drei Jahren ein Zusammenhang zwischen Essen und IQ gefunden wurde.

„Natürlich könnte es sein, dass das alles nur ein statistischer Effekt ist“, gibt Emmett zu. Sie verweist aber auf Studien, nach denen gestillte Kinder Jahre später besser in IQ-Tests abschneiden als nicht gestillte.

Kann man Kinder also doch klug füttern? Nein, sagt die Berliner Gehirnforscherin Isabella Heuser. „Wenn man Kindern in den ersten Jahren, wenn das Gehirn noch wächst, zu wenig von bestimmten Nährstoffen gibt, kann das jedoch zu Problemen bei der Entwicklung führen.“ Möglich, dass das die Ergebnisse zur Muttermilch erklärt. Denn die Studie wurde in Weißrussland gemacht, wo Kinder ohne Muttermilch vielleicht mangelernährt sind.

Unser Autor ist Biologe und arbeitet im Ressort Wissenschaft des Tagesspiegel.

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