Zeitung Heute : Kombiniert?

Soll man Olympia und Paralympia zusammenlegen? Darüber diskutieren in Kanada Athleten und Offizielle

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Skifahrer Gerd Schönfelder samt Anhang. Auch bei den Paralmpics haben die Sportler viele Fans. Foto: Thilo Rückeis

Es begann bei der offiziellen Begrüßung der olympischen und der Verabschiedung der paralympischen Nationalmannschaft nach Kanada. Da war ganz München aus dem Häuschen, und, jawohl, die deutschen Athleten mit Handicap waren auch geladen. Während aber die Moderatoren und Redner allein die herkömmlichen Sportler in ihren Reden lobten, wirkten einige Rollifahrer still wie Staffage in der Mitte der Olympischen Ringe, die die Menschen auf dem Platz formten. Kein Satz war ihnen jedoch vergönnt, sie blieben Statisten und standen auch sprichwörtlich im Regen.

So ist das oft, wenn behinderte und nicht behinderte Leistungssportler gemeinsam auftreten. Paralympischer Sport ist noch nicht ausreichend bekannt: Die Disziplinen, die Regeln, die Klassifizierungen, viele blicken da nicht durch. Nur während der Paralympics ist das anders. In Kanada gibt es jetzt gar „einen neuen paralympischen Standard“, lobt die Tageszeitung „The Globe and Mail“, und auch die „Vancouver Sun“ beschäftigt sich mit der Forderung des Gründers des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Robert Steadward: Die Winterspiele sollten künftig gemeinsam abgehalten werden, weil es verschenkte Mühe sei, die Energie, die sich mit Olympia bilde, nach der Veranstaltungspause für die Paralympics erst wieder neu aufzubauen.

Der Gedanke ist nicht neu. Doch je professioneller die Sportler mit ihren Hightechprothesen und Monoskiabfahrtsgeschossen Leistungssport treiben, desto eher wird er wieder aufgegriffen. Sir Philip Craven, der Präsident des IPC, hält jedoch sofort dagegen: Die Paralympics sind dabei, sich als eigenständige Marke zu etablieren, der Spirit, die Stimmung in der weltweiten Paralympischen Familie seien einzigartig. Der große Bruder Olympia bliebe immer stärker als die kleine Schwester Paralympia.

„Man muss auf jeden Fall vorsichtig sein, dass man nicht total untergeht und als Sportler zweiter Klasse gilt. Bei den Paralympics sind wir die Stars – und ob das bei einer Zusammenlegung immer noch so wäre, das wage ich stark zu bezweifeln“, meint Andrea Eskau, die in ihrem Sitzschlitten bei den nordischen Skidisziplinen für Deutschland startet. Ihr kanadischer Sportskollege Bourgonje pflichtet ihr bei: „Ich finde, sie sollten das nicht tun. Wir haben viel mehr Möglichkeiten, wenn wir ein eigenständiger Wettbewerb bleiben. Wir sollten es absolut so beibehalten, wie es ist.“

In Kanada verfolgte auch die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, jetzige Vorsitzende des Kuratoriums des Deutschen Behindertensportverbandes DBS, zu Beginn die Wettkämpfe. „Ich bin der Überzeugung, wir sollten das erst mal auf nationaler Ebene ausprobieren, da werden jetzt schon vielfach Schaukämpfe erfolgreich integriert.“

Sollten denn zunehmend Athleten mit Behinderung bei Olympia starten – wie es zuletzt der sehbehinderte kanadische Skilangläufer in Kanada versuchte? „Ich hab da so meine eigene Meinung“, sagt die Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius beim Empfang der Bundesregierung im Deutschen Haus in Whistler. Sie ist seit 1. Oktober 2008 Vollzeittrainerin im Behindertenleistungssport, „und das ist meine Berufung, da blühe ich auf“. Aber sie selbst habe, wenn sie mal einen verletzten Finger mit Tape umwickelt, Ärger gehabt, „weil man Gelenke nicht unterstützen darf“. Und dann soll einer gleich ein ganzes ultramodernes Sportgerät wie eine Prothese einsetzen dürfen – wie etwa der südafrikanische beinamputierte Oscar Pistorius mit seinen Carbonprothesen.

An den Pisten und Loipen, in den Listen und Gondeln, an den Medaillentreppchen wird nun auch diskutiert, ob man die Paralympics vielleicht vor den Olympischen Spielen und nicht als Anhängsel abhalten sollte. „Nein“, findet Zypries, „dann würden die Paralympics nur wirken wie ein zweitrangiger Testlauf für die Olympischen Spiele.“ Und Wendy Underwood, Manager bei Tourism Vancouver, gibt bei einem Pressegespräch im The Listle Hotel in Vancouver Downtown Folgendes zu bedenken: „Die Karten für die Paralympics verkaufen sich auch jetzt so gut, weil die Leute einfach noch in Olympiastimmung sind und mit dem Partyfeeling, dem Public Viewing nicht aufhören wollen.“ Auch dadurch würden die Paralympischen Spiele jetzt prima im Windschatten der Olympischen Spiele mitgezogen.

Annette Kögel, Mitarbeit: Tassilo Hummel

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