Zeitung Heute : Komm in die Hufe

Ein guter Platz – der muss am Sonntag beim Derby drin sein. Und wenn nicht?

Ariane Bemmer

Hoch oben über der Trabrennbahn sitzt Peter Härtel auf einem weißen Plastikstuhl und hält es kaum aus. Die Lautsprecher schnarren: „Noch drei Minuten bis zum Start.“ Sieben Pferde mit Sulkys hinten dran sieht Härtel unten auf der Bahn hin und her laufen. Eins davon gehört ihm, er hat es gezüchtet, und er hat es trainiert. „Noch eine Minute bis zum Start.“ Härtels Pferd heißt Hardy Sun und hat die Startnummer 8. „Noch 20 Sekunden bis zum Start.“ Hardy Sun ist der Favorit, der beste Traber da unten. Er läuft hier nur zum Üben.

Härtel, oben auf der Aussichtsterrasse in Berlin-Mariendorf, umklammert das Geländer und rutscht auf dem Stuhl herum. Hardy Sun ist vorne, Härtel guckt weg und gleich wieder hin. 1900 Meter laufen die Pferde. Anderthalb Mal rum. Sie kommen auf die Zielgerade, Härtel springt hoch. „Fahr! Hü!“, brüllt er. Hardy Sun gewinnt, Härtel sackt zusammen. Bei dem Rennen ging es nur darum, dass Hardy Routine bekommt. Härtel sagt: „So ein Pissrennen, und ich bin schon völlig fertig.“

Das war vor einer Woche. Was soll das nächsten Sonntag geben? Dann ist Traberderby, das größte Rennen des Jahres, und sein Pferd ist dabei.

Härtel ist ein drahtiger Mann mit grauen Locken, er trägt eine Brille, guckt nett und sagt „Tach“. Er war mal Maschinenbauer, zur Traberzucht kam er vor 30 Jahren. Er habe schnell viel investiert, und „dann kommt man nicht mehr raus“. Die Geschäfte gehen nur einigermaßen, die Wirtschaft lahmt, die Leute haben kein Geld für Pferde. Ein guter Platz im Derby, das wäre es jetzt. Das gäbe Preisgeld, vielleicht etwas Fünfstelliges – allein der Sieger bekommt 188000 Euro –, und Härtels Zuchtbetrieb würde aufgewertet. Das wäre Lohn für die ganze Arbeit. Das jahrelange frühe Aufstehen, die vielen Fahrten zu den Trabrennen und nie Urlaub.

Und wenn es nichts wird? Dann werde er möglicherweise heulen, sagt Härtel. Und stundenlang nicht ansprechbar sein. Und dann? Weitermachen. Er sagt: „Wir Züchter leben von der Hoffnung.“

Hardy Sun ist ein Hengst, dunkelbraunes Fell, dunkle Mähne, wie alle anderen auch, aber am Pony hat er rötliche Strähnen, daran erkennt man ihn leicht, es ist der Freitag vor dem Übungsrennen. Eigentlich sind Hengste schwierig. Hardy nicht. Das Pferd, das nach einem Aufwärmlauf neben ihm angeleint ist, knabbert er nur freundlich an.

Härtel geht über seine Pferdekoppel im schleswig-holsteinischen Oering. Er sagt, Hardy sei fast immer draußen. „Das ist meine Philosophie.“ So wenig Stall wie möglich, dann seien die Pferde ausgeglichener. Härtels Freunde sagen, Hardy habe einen Rennkopf, der wolle gewinnen. Das ist das Wichtigste. Man kann das Pferd nicht zum Rennen zwingen. Härtel sagt, manchmal sei es schwierig, nicht zu viel zu verlangen von dem Tier, das einen Traum wahr machen soll. Er tätschelt die Pferde, an denen er vorbeigeht. Die Stuten haben Fohlen. Vom selben Vater wie Hardy, von Allegro Sun. In dessen Adern fließt das Blut des besten Trabers der USA: Peter the Great, geboren 1895. Läuft Hardy beim Derby gut, werden diese Fohlen wertvoller. 10000 bis 20000 Euro kann Härtel für einen guten Jährling nehmen.

Hier auf der Koppel kam Hardy am 1. Mai 2001 zur Welt. Als er ein Jahr alt ist, fällt er Härtel auf. „Der war beim Toben nicht so schnell aus der Puste.“ Er bringt ihm bei, vor dem Sulky zu laufen, er treibt ihm den Galopp aus, füttert Hafer und mixt cremigen Karotten-Bananen-Saft. Wegen der Vitamine. Hardy mag das.

Bei einer Hand voll Trabrennen war Hardy inzwischen dabei. August 2003 in Straubing wurde er Vierter, obwohl er aus der zweiten Reihe startete, März 2004 in Gelsenkirchen Zweiter, vier Mal in Mariendorf Erster, gerade erst am 18. Juli, davor im Mai. Zwei Mal wurde er disqualifiziert, weil er galoppiert ist, statt zu traben.

Härtel geht mit Hardy in den Wald zum Trainieren. Auch am Freitag vor dem 18. Juli. „Für die Psyche“, sagt er. Alfred, Härtels Freund, hat dort eine schattige Laufstrecke angelegt. Runde um Runde rast Hardy die Bahn lang, Schweiß färbt sein Fell dunkel, am Maul bildet sich Schaum. Blutrot sind seine Nüstern von innen, statt schwarz wie sonst. Er läuft 7,6 Kilometer in 15 Minuten. Ein „ordentliches Jogging“, sagt Härtel. Matschbesprenkelt hat er hinten im Wagen aufgepasst, dass Hardy sich nicht überanstrengt. Mit einer Pulsuhr, die Elektroden am Pferdeleib befestigt, einer Digitalanzeige vorn am Sulky. Später scannt Alfred die Daten in seinen Computer. Der zeigt Hardys Puls, 167, und das Tempo: 29,7 Stundenkilometer. Im Rennen geht der Puls bis 240, die Traber erreichen Tempo 55. „Wir trainieren kontrolliert“, sagt Härtel, und Alfred sagt: Wenn Hardy nicht anfängt zu galoppieren, kämpft der beim Derby um den Sieg. Die große Angst: Schrittfehler und Disqualifikation.

Härtel hofft, dass sein Pferd über die Vorentscheidungen bis ins Finale kommt. Beim Derby laufen Pferde aus den großen Ställen, deren Eltern schon alles gewonnen haben, teure Pferde mit erstklassigen Fahrern. Tiere, die bei anderen Rennen so schnell waren, dass manche Züchter empört sagten, da könne man ja gleich zu Hause bleiben.

Morgen, Dienstag, 17 Uhr, wird die Startliste für das Derby veröffentlicht. Ab dann wird Härtel jeden Tag ein bisschen nervöser sein. Ein, zwei Mal noch wird er Hardy trainieren, im Wald oder auf der Trabrennbahn in Hamburg-Bahrenfeld. Am Ende muss Härtel vielleicht Baldrian schlucken. Doch es wird alles nichts ändern. Am 1. August 2004 wird für ihn, den ehemaligen Maschinenbauer, Ehemann und Vater eines erwachsenen Sohnes, Hundebesitzer, Pächter von 50 Hektar Land, alles davon abhängen, ob ein Pferd so schnell laufen will, wie es nur kann.

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