Zeitung Heute : Komm mit nach Hause in die Kleinstadt Oslo

Ein persönlicher Blick auf die Hauptstadt Norwegens aus Berlin

Trygve Monsen

Nach drei Jahren in Berlin bekomme ich Heimweh nach Oslo und nach einem besseren Klima. Wenn Sie nachkommen, dann erschrecken Sie nicht, denn Sie landen in der teuersten Stadt der Welt. Gönnen Sie sich trotzdem einen Besuch in einem rauchfreien Pub und riechen Sie, was Sie in Kürze auch in Berlin erwartet.

Berlin ist die Lieblingsstadt meines Auslandsdaseins. Natürlich habe ich mir hier in Charlottenburg meine Stammkneipe gesucht. In fünf Monaten geht es dann nach Hause in meine rauchfreie Stammkneipe in Oslo.

Die Rückfahrt wird wunderbar. Keine andere Autofähre kann sich mit dem Standard messen, den die Color Line zwischen Kiel und Oslo bietet. Entspannende 18 Stunden Überfahrt von Kiel, unter der Großen-Belt-Brücke hindurch und weiter gen Norden.

KRIEGSERINNERUNGEN

Die letzten drei Stunden den Oslofjord hinauf sind immer ein Erlebnis, egal ob im Winter oder in lauen Sommernächten. Die Deutschen lauschen mir interessiert, wenn ich ihnen die Geschichte über die „Blücher“ erzähle, die am 9. April vor 67 Jahren vor Oscarsborg versenkt wurde. 70 Meter unter unserem Schiffsrumpf tritt noch immer Öl aus dem Schiffswrack aus, das an die Oberfläche strömt.

Das Wiedersehen mit Oslos einziger Hauptstraße wird ein Vergnügen. Sie wurde 2005 anlässlich der Feierlichkeiten zur 100jährigen Unionsauflösung von Schweden nach allen Regeln der Kunst erneuert.

Verglichen mit dem Kurfürstendamm oder der Straße Unter den Linden kann man mit der Karl-Johans Gate vielleicht nicht so angeben, aber die Aussicht zum Königlichen Schloss ist einer europäischen Großstadt durchaus würdig.

BILLIGFLIEGER

Viele Touristen haben Oslo bisher als einen Ort betrachtet, den man auf der Durchreise sieht, wenn man nach Westnorwegen möchte oder sich auf den 2400 km langen Landweg zum Nordkap macht. Jetzt könnte Oslo aber auch ein Wochenendziel werden, denn die Fluggesellschaften bieten Hin- und Rückflugtickets schon für 90 Euro an.

Berliner entdecken schnell, dass Oslo keine „Kieze“ hat. Das Zentrum der Stadt sammelt sich um die Hauptstraße. 100 Meter rechts und links der Karl-Johans Gate ist es abends wie ausgestorben und doch ist in den letzten zehn Jahren einiges in Oslo passiert.

Das Nachtleben ist wild, auch aus deutscher Sicht. An den Wochenenden pulsiert das Leben entlang der Hauptstraße bis Sonnenaufgang. Obwohl ein halber Liter Bier zwischen acht und zehn Euro kostet, wird ordentlich getrunken.

Verzichte aufs Stadtleben. Die Berliner tun klug daran, das Osloer Caféleben zu vermeiden. Nicht weil alles doppelt so teuer ist wie zu Hause, sondern weil man etwas machen sollte, das man in Berlin nicht kann. In welcher anderen Stadt in Europa kann man die U-Bahn nehmen und zu einer Skischanze fahren? Die weltbekannte Holmenkollenschanze liegt nur eine dreiviertel Stunde entfernt. Steigen Sie einfach am Nationaltheater ein, da wo die Karl-Johans Gate in Richtung Schloss endet.

Persönlich würde ich die U-Bahnlinie zum Sognsvann (Sognsee) empfehlen, das Eingangstor zu Oslos enormem Naherholungsgebiet, der Nordmarka. Von der Station Sognsvann kann man einen einstündigen Spaziergang zur Ullevålseter (Ullevålalm) machen oder eine Runde um den Sognsvann drehen und im Sommer das lebendige Badeleben genießen.

STADTWANDERUNG

Wer eine ruhige Wanderung durch die Stadt vorzieht, kann sich für eine Wanderung entlang des Akerselva (Akerfluss) entscheiden. Zur Überraschung der Osloer hat sich der dreckige Fluss im Laufe weniger Jahre von einer stinkenden Kloake zu einer Perle entwickelt. Lachs und Forelle haben den Weg zurück gefunden und man streift auf der Wanderung vom Maridalvannet hinab zum Hafenbecken viele von Oslos Epochen.

Es geschieht auch viel in der Kunst- und Kulturstadt Oslo. Ein ganz neuer Stadtteil wächst um die neue Oper der Stadt, die mitten im Hafen liegt, heran. Nächstes Jahr ist große Premiere. Wenn dann in zwei, drei Jahren auch die meistbefahrene Straße Norwegens, die E18, südlich der Oper in einem Tunnel unter dem Wasser verschwindet, wird sich wirklich der Frieden über den Stadtteil Bjørvika legen, der einst vor 1000 Jahren Oslos Wiege war. Wenn man sich einen Abstecher in die Mittelalterstadt in der Gamlebyen (Altstadt) erlaubt, kann man die Konturen einer neuen Stadt in der Stadt erahnen.

OSLOS MITTELALTERSTADT

Die Wikingschiffe könnten in die Mittelalterstadt umziehen – so weit der Plan. Allerdings halten die zerbrechlichen Fahrzeuge einen solchen Umzug von Bygdøy vielleicht nicht aus. Bygdøy ist eine Halbinsel südwestlich des Zentrums und einfach mit einer der Fähren vom Rathauskai zu erreichen. Hier auf Bygdøy hat man die Schifffahrtsgeschichte Norwegens auf einen Blick.

Wikingschiffe brachten einst Leif Eriksson bis nach Amerika, beinahe 500 Jahre vor Christoph Kolumbus. Der Abenteurer Thor Heyerdahl überquerte mit seinem Kon-Tiki-Floß 1947 den Stillen Ozean, während der Polarforscher Roald Amundsen mit seinem Polarschiff „Gjøa“ in den Jahren 1903-1905 die Nord-West-Passage durchsegelte. Auf Bygdøy steht auch die „Fram“, die Amundsen einige Jahre später für seine Reise zum Südpol benutzte.

DIE UNBEKANNTE PERLE

Wenn man erschöpft ist – und nicht zuletzt durstig – dann kommt hier mein Geheimtipp. Fragen Sie nach dem Weg zum Café „Lille Herbern“! Es liegt auf einer kleinen Insel südlich von Bygdøy, und man muss mit einer kleinen Fähre zur Insel übersetzen (es sind nur 40 Meter!). An einem warmen Frühlingstag oder im Sommer ist das eine Perle und man vergisst umgehend, dass alles doppelt so teuer ist wie in Berlin. Genießen Sie einfach den hellen Sommerabend.

Sicher zurück im Asphaltdschungel sollte man den Weg ins Osloer Rathaus finden. Dann ist man auch nur wenige Schritte von Aker Brygge entfernt, dem Stadtteil, der vor 20 Jahren erbaut wurde, als die Zeiten des Schiffsbaus zu Ende waren.

An einem warmen Sommerabend ist der Besuch der Festung Akerhus Pflicht. Kunstinteressierte sollten auch das Munch-Museum besuchen, das, nachdem die Bilder „Schrei“ und „Madonna“ im Jahr 2004 gestohlen wurden, besondere Berühmtheit erlangt hat. Wenn man den Bus 60 zum Museum nimmt, führt einen der Weg auch durch die „pakistanischen Stadtteile“ in Oslo, Tøyen und Grønland.

UNBEKANNTES OSLO

Oslo kann man nur schwerlich eine Metropole nennen. Die Stadt hat ihren Charme und ihren eigenen Puls. Von Norwegens Hauptstadt ist nur die Rede, wenn der Nobelpreis verliehen wird oder wenn Politiker über den Oslo-Prozess sprechen, der Frieden im Nahen Osten hätte bringen können.

Ausländische Autofahrer werden oft davon abgeschreckt, dass es Geld kostet, in die Stadt hinein- zufahren. Wir Osloer wundern uns hingegen, warum Berlin noch keine City-Maut und keine rauchfreien Kneipen bekommen hat. Aber das sind wieder zwei andere Geschichten.

Herzlich willkommen in Oslo!

Der Autor ist Berlin-Korrespondent der Zeitung „Aftenposten“.

Aus dem Norwegischen von Julia Stöber.

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