Zeitung Heute : Kommando Fürsorge

SEK-Männer mit Masken und Gewehren waren eingeflogen. In Böttingen haben sie gedacht, Terroristen versteckten sich auf der Schwäbischen Alb. Aber es war nur eine Afrikanerin, die sich dagegen wehrte, dass ihr die Kinder weggenommen wurden. Chronik eines sonderbaren Einsatzes.

Josef-Otto Freudenreich

Es ist der 1. April, 10 Uhr morgens, und es ist kein Scherz. Die Frau vom Jugendamt begehrt Einlass in der Hauptstraße in Böttingen, wo die Nigerianerin Anitea L. mit ihren Kindern Peter* und Kai wohnt. Sie wolle die beiden Söhne mitnehmen, sagt die Vertreterin der Behörde. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, hat sie zwei Beamte vom Polizeirevier Spaichingen mitgebracht. Anitea L. öffnet nur das Fenster im Erdgeschoss. Den zweieinhalbjährigen Peter trägt sie wie immer auf dem Rücken, in der rechten Hand hat sie ein Messer. Damit habe sie gedroht, den Buben umzubringen, wird die Polizei später erklären. Das, womit sie herumfuchtelt, wird mal als Fleischer-, mal als Brot- oder Küchenmesser bezeichnet. Was auch immer es war – es war der Beginn einer Kettenreaktion.

Um 10 Uhr 08 berichten die beiden Polizisten ihrer Dienststelle von der Lage. Von dort geht der Notruf zur Direktion in Tuttlingen, die sofort das Spezialeinsatzkommando (SEK) Geiselnahme aus Göppingen anfordert. Um 10 Uhr 30 erhält Böttingens Bürgermeister Gerhard Minder die Order, seine Mehrzweckhalle zu übergeben. Dort müsse ein Lage- und Pressezentrum eingerichtet werden, sagt ihm der Tuttlinger Polizeisprecher. Man erwarte viele Medienvertreter.

Währenddessen rücken 45 Uniformierte in Mannschaftsbussen an, im Konvoi sind auch drei Krankenwagen und eine Verhandlungsgruppe mit Psychologen. Die Hauptstraße wird weiträumig abgesperrt. Damit ist der Ortskern dicht. Ein verschreckter Bauer, der die Straße heruntereilt, fragt, ob sich Osama bin Laden in dem Haus versteckt halte. Bürgermeister Minder, der erst von einem Überfall auf die Volksbank ausgegangen ist, rät ihm, am nächsten Tag in die Zeitung zu schauen.

Gegen 11 Uhr 30 fliegen zwei Piloten das zehnköpfige SEK mit dem Hubschrauber ein. Durchtrainierte Männer mit schusssicheren Westen, Helmen, schwarzen Masken und Maschinenpistolen. Sie erkundigen sich bei Franz Mattes, dem Vermieter von Anitea L., nach Zugängen über den Keller und das Dach. Der Rentner sieht noch einen Schwarzvermummten im Flur knien, mit der MP im Anschlag, und dann geht alles ganz schnell. Das SEK dringt in die Wohnung ein, überwältigt die zierliche Mutter und sichert das Kind. Um 12 Uhr 02, mit dem letzten Glockenschlag von Sankt Martinus, ist die „Lage bereinigt“, wie das Einsatzprotokoll festhält. Anitea L. wird in Handschellen abgeführt. Sie wirft sich auf den Boden und bittet darum, wenigstens mit der Sekretärin des Bürgermeisters, ihrer Vertrauten im Dorf, sprechen zu dürfen. Es wird ihr verwehrt. Mit einem „Nix für unguat“ verabschieden sich die Beamten von Mattes, einem Mann von 85 Jahren

Die Maschinerie läuft

Der kleine Peter wird in ein Polizeiauto verfrachtet, sein zehnjähriger Bruder Kai aus der Schule geholt. Beide werden zu einer Pflegefamilie in einer Nachbargemeinde gebracht. Ihre Mutter wird zur Vernehmung weggefahren, anschließend nach Schwäbisch Gmünd ins Frauengefängnis überführt,das Gotteszell heißt. Der Haftbefehl lautet auf Geiselnahme, und Tuttlingens Polizeichef Ralf Thimm, der den Einsatz geleitet hat, bilanziert, dass die „Maschinerie“ notwendig war, um den „Schutz des Kindes zu gewährleisten“. Im Übrigen entwickle eine solche Geschichte ihre „eigene Dynamik“. Später wird einer seiner Kollegen hinter vorgehaltener Hand fragen, ob „das alles hat sein müssen?“.

Polizeichef Thimm muss nichts von Anitea L. wissen, er hat nur Amtshilfe geleistet. Die 34 Jahre alte Nigerianerin hat einen schweren Weg hinter sich. In ihrer Heimat lernte sie den bayerischen Seemann Christian L. kennen, der sie 1990 heiratete und mit nach Deutschland nahm. Die Böttinger Ärztin Margret Marquart erzählt, der Ehemann habe Anitea regelmäßig verprügelt, er verließ sie Anfang 2003 und sitzt jetzt wegen Drogenhandels in Bolivien im Knast. „Anitea ist schwer traumatisiert“, diagnostiziert die Ärztin.

Die Nigerianerin spricht nur gebrochen Deutsch, kann weder lesen noch schreiben, putzt in Böttingen die Bushaltestellen und Telefonzellen für zwei Euro die Stunde, und wenn sie nicht weiterweiß, sucht sie bei der Sekretärin des Bürgermeisters Hilfe. Annerese Schutzbach sorgt dann dafür, dass der Strom wieder angestellt und der Schriftverkehr mit dem Sozialamt erledigt wird. Die attraktive Frau habe Handflächen wie Reibeisen gehabt, erzählen die wenigen Böttinger, die sich um sie gekümmert haben.

Bernd Mager, Leiter des Tuttlinger Sozialamts, kennt Anitea L. nur aus den Schilderungen seines Personals. „Die Dame war sehr pfeffrig“, referiert er die Mitteilungen aus dem Jugendamt. Sie sei durch „aggressives, rabiates“ Verhalten aufgefallen. In der Lokalpresse ist die Rede davon, sie habe zwei Polizisten mit einer Kettensäge bedroht. Die Berichterstattung über den 1. April fällt entsprechend aus. „Polizei überwältigt 34-jährige Geiselnehmerin“ titelt der „Heuberger Bote“. Auch Bürgermeister Minder erinnert sich daran, wie Anitea L. einst in sein Büro gestürmt ist und ihn „wüst beschimpft“ hat. Aber sie hat auch sofort um Verzeihung gebeten. „Für mich war die Sache damit erledigt“, beschwichtigt der Bürgermeister. Minder ist diese Klarstellung wichtig, seitdem er im Dorf verdächtigt wird, der Drahtzieher der „martialischen Aktion“ zu sein. Nie habe er mit dem Jugendamt in dieser Sache gesprochen. Er weiß nur, dass die Frau sich und anderen das Leben nicht leicht gemacht hat.

Woher die Klagen über die angebliche Verwahrlosung der Kinder kamen, vermag auch Minder nicht zu sagen. Es seien „besorgte Bürger“ gewesen, deutet Mager, der Leiter des Sozialamts, dunkel an. Sie hätten gemeldet, dass Anitea L. ihre Kinder tagelang allein gelassen beziehungsweise in der Garage eingesperrt habe, die Vorhänge geschlossen gewesen seien und die Mutter nicht zu sehen gewesen sei. Vermieter Mattes, der im Haus wohnt und die Familie häufig besucht hat, kann nichts davon bestätigen. Gefragt worden ist er nie. Er kennt nur das Geraune im Ort, das Kopfschütteln über die exotische Zugereiste, die ihr Kind selbst im Winter, sei’s beim Putzen oder Zeitungsaustragen, auf dem Rücken festgebunden hat. In Böttingen, der 930 Meter hochgelegenen 1400-Seelengemeinde bei Spaichingen, kann es sehr kalt werden.

Daraufhin, begründet Mager, sei das Jugendamt aktiv geworden. Doch sowohl im Herbst 2002 wie im Jahr darauf seien seine Mitarbeiter abgewiesen worden. Ihre angebotene Hilfe ebenso. Erst am 22.März 2004 hätten sie bei einem unangekündigten Besuch mit der Polizei Zutritt erhalten, und dabei Mutter, Kinder und Wohnung in einem „verwahrlosten Zustand“ vorgefunden. Es habe „Gefahr für Körper, Psyche und Seele“ der Kinder bestanden.

Ein Besuch in der Wohnung offenbart davon nichts. Vielleicht sind die vier Zimmer nicht so ordentlich, wie es der Albbewohner gewohnt ist, aber die gutbürgerlichen Schränke und das Sofa in der Stube machen einen sauberen Eindruck. Im Kinderzimmer hängt ein Dschungelbuch-Plakat an der Wand, im Kühlschrank lagern Eier, Wurst und Gemüse. Auch der Schlafraum wäre aufgeräumt, wenn da nicht die durchwühlten Schränke wären, die nach der Hausdurchsuchung zurückgeblieben sind. „Von Verwahrlosung“, sagt Franz Mattes, „habe ich nie etwas bemerkt.“ Im Gegenteil, die Mutter habe ihre Kinder gut behandelt. Sie habe immer davon gesprochen, dass ihre Buben lesen und schreiben können sollten. Der Große sollte Professor und der Kleine General werden.

Auch Schulleiter Robert Frech wundert sich. Kai sei „gepflegt gekleidet“ und gut ernährt gewesen und habe keine Verhaltensauffälligkeiten gezeigt, sagt der Pädagoge. Dieses Kind könne jedenfalls nicht der Beweis für eine Misshandlung sein. Mehr will er dazu nicht sagen, weil ihn das Schulamt aufgefordert hat zu schweigen. Hubert Fetzer, der Pfarrer im Ruhestand, hat Kai im Kommunionunterricht und schätzt ihn als emsigen Ministranten. Es sei ein „leises, liebes Kind“, urteilt der 73-Jährige und erzählt, wie die Kinder, die sich auf die Kommunion vorbereiten, für Kai gemalt und geschrieben haben. Rührende Bilder und Texte (,,Komm bald wieder“), die er dem Kleinen gerne selbst gebracht hätte. Aber er durfte ihn nicht besuchen. Das würde den Jungen „zu sehrdurcheinander bringen“, wurde ihm vom Jugendamt gesagt. Im Amtsblatt versichert Sozialdezernent Mager, selbstverständlich würden sie darauf achten, dass die bestehenden Verbindungen der Kinder zu Freunden der Kirche „aufrechterhalten bleiben“.

Pfarrer Fetzer kann seine Eindrücke nicht am Stück schildern. Er sitzt bei Margret Marquart am Küchentisch, isst Maultaschen und Kartoffelsalat und wird immer wieder vom Klingeln an der Haustür unterbrochen. Draußen stehen Kinder und bringen Unterschriftenlisten, mit denen die Böttinger gegen das „Unglaubliche und Unvorstellbare“ protestieren. 300 sind es bereits, die das „Vorgehen der behördlichen Kräfte als eine Schande“ empfinden. „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, warnt Marquart, die den Aufruf initiiert hat.

Die 76-jährige Missionsärztin weiß, warum sie das tut. Sie war 22 Jahre lang in Afrika, kennt das Elend dort, und das hiesige von ihrer Arbeit in der Abschiebehaft im Rottenburger Gefängnis. Für ihren Einsatz in Uganda und Ghana hat sie das Bundesverdienstkreuz erhalten – und zurückgegeben, als sie sah, was es heißt, in Abschiebehaft zu sitzen. Davon hat sie auch Erwin Teufel im benachbarten Spaichingen berichtet. Der Ministerpräsident sei beeindruckt gewesen, erinnert sich die schwer kranke Frau.

Kinder ohne Mutter

Die katholische Kirchengemeinde Sankt Martinus zählt Margret Marquart zu ihren berühmtesten Persönlichkeiten, und deshalb hat sie auch neben dem Taufbecken eine Box aufgestellt, in der weitere Unterschriften gesammelt werden. Das ist erstaunlich in einem Flecken, in dem man lieber unter sich bleibt, und Menschen wie Anitea L. Fremdkörper sind. Doch das Mitgefühl ist jetzt da.

Bei den „behördlichen Kräften“ spürt man weniger. Sozialdezernent Mager sagt, sein Amt handle stets „mit Augenmaß, schnell und völlig korrekt“, wie auch in diesem Fall, der zum ersten Mal „Unruhe“ erzeugt habe. Polizeichef Thimm betont, für derartige Lagen gebe es „landesweit einheitliche Standards“, Alternativen seien nicht möglich gewesen. Und beide Amtsträger verweisen darauf, dass sie mit dem Vorgehen des jeweils anderen nichts zu tun haben. Jeder verrichte seinen eigenen Job. Nur dem Bürgermeister ist etwas eingefallen, das so einfach wie überzeugend klingt. Anstatt an ein Pressezentrum zu denken, in das niemand wollte, hätten Jugendamt und Polizei besser bei ihm angerufen und um Vermittlung gebeten. „Dann wäre ich mit meiner Sekretärin gekommen“, sagt Minder, „und wir hätten die Sache geregelt.“

So geht jetzt alles seinen bürokratischen Gang. Die Kinder haben für lange Zeit keine Mutter mehr, Anitea L. erwartet einen Prozess, den sie nicht versteht, und die Staatsanwaltschaft Rottweil fertigt eine Anklage, die der Frau vorwirft, ihr Kind als Geisel genommen zu haben. Gemäß Paragraf 239 b Strafgesetzbuch, erläutert Staatsanwalt Frank Grundke, zieht Geiselnahme eine Freiheitsstrafe nach sich, die nicht unter fünf Jahren liegt. Sie könne aber auch 15 Jahre dauern.

*Die Namen der Kinder wurden von der Redaktion geändert.

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