Kommentar : Ab in die Box

Berlin ist die Hauptstadt des Temporären, des Unfertigen, der Zwischennutzung. Aufbauen, bespielen, weiterziehen – das ist der Geist der Stadt.

Eventbunker. Aufbau der Humboldt-Box am Berliner Schlossplatz.
Eventbunker. Aufbau der Humboldt-Box am Berliner Schlossplatz.Foto: dpa

Alles wird, nichts bleibt: Längst funktionieren nicht mehr nur Kreuzberger Klubs und Neuköllner Galerien nach diesem Prinzip, auch der Senat hat erkannt, wie sexy Übergangslösungen sind.

Zum Beispiel die Infobox, die von 1995 bis 2001 auf der Großbaustelle des Potsdamer Platzes stand. Ein schwebender roter Container mit Außentreppe, sympathisch unprätentiös, mit einem Hauch von Monteursbude. Hier wurde über die Platzplanung informiert, wurde auch die Werbetrommel gerührt für ein Großprojekt, für Berlin. Die Idee war neu, und sie funktionierte: Täglich kamen tausende Besucher.

Und jetzt die Humboldt-Box. Am 30. Juni wird der Pavillon für das Publikum geöffnet. Er soll das Zukunftsprojekt Stadtschloss präsentieren – lässt aber erst mal den Geist der alten Festung West-Berlin über das Forum Fridericianum wehen. Der weiße Klotz erinnert mit seinen schrägen Ecken und den Stahlstreben stark an das ICC.

Die Box soll bleiben, bis das Schloss fertig ist, also voraussichtlich acht Jahre lang, vielleicht auch zehn, 15. Eigentlich wirkt der wuchtige Bau, als wolle er für immer auf der Schlossfreiheit stehen. Fünf Stockwerke! 3000 Quadratmeter! Erlebnisräume! Ausstellungsflächen! Veranstaltungsbereich! Museumsshop! Und obendrauf, in 21 Metern Höhe, das Restaurant Humboldt-Terrassen mit Rundumblick auf die historische Mitte.

Klar, in schnellen Zeiten sind acht Jahre eine Ewigkeit. Aber eigentlich soll das Teil doch nur eine begehbare Infobroschüre sein – und dann kommt so ein Eventbunker raus. Die Botschaft: Berlin klotzt! Hier schreibt man Großprojekt noch groß! So wird schwer, was gerne leicht gewesen wäre.

Wie 2008 bei der Temporären Kunsthalle, auch so einem Schlossplatzprojekt. Nicht die Wolke machte das Rennen, nicht der luftig-beschwingte Entwurf. Sondern ein Würfel. Ein schmuckloser Lidl-Bau, dessen selbstironische Pixel-Himmel-Fassade zumindest zeitweilig eine gewisse Entspanntheit vermittelte. Im Januar 2011 wurde die Halle demontiert.

Man muss auch loslassen können. 15 Millionen private Euro wird die Humboldt-Box bis 2019 gekostet haben, das Schloss wird mindestens 552 SteuerMillionen verschlingen. Davon lassen sich noch einige großartige Pavillons bauen – und wieder abreißen. Und wieder neu bauen. Ein Architektur-Update alle, sagen wir, fünf Jahre, das wäre was. So bliebe Berlin die Hauptstadt des Temporären. Für immer.

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