Kommentar : Leben auf der Baustelle

Das Berliner Schuljahr endet so, wie es sich die ganze Zeit präsentiert hat – zwiespältig. In die Freude über die hohe Abiturientenquote Berlins und die geradezu bayerisch anmutenden guten Noten mischt sich die Irritation über die schleppende Ausstattung mit Lehrern angesichts der Herausforderungen, vor denen die Schulen stehen.

Im Jahre zehn nach Pisa bleibt Berlins Schulsystem eine einzige große Baustelle. Dabei sollte die groß angelegte Renovierung auf allen Etagen des Bildungswesens längst abgeschlossen sein. Inzwischen zeigt sich: Pfusch am Bau.

Schon das Fundament in Gestalt der Kindertagesstätten ist porös. Die miserablen Kenntnisse vieler Erstklässler offenbaren, dass Berlins Kita-Wesen trotz der immensen Ausgaben nicht genügend gerüstet ist für die Problemkinder der Stadt. Es gibt keinerlei Handhabe, wenn diese Problemkinder monatelang nicht in der Kita erscheinen. Und es gibt keinerlei Qualitätskontrolle.

Kein Wunder also, dass es im Erdgeschoss des Berliner Bildungshauses zugig ist: In der Grundschule landen schlecht vorbereitete Kinder in viel zu großen Lerngruppen. Noch ist nicht klar, ob das massenweise Sitzenbleiben in den zweiten Klassen dazu führt, dass der Rest der Grundschulzeit gelingen kann. Noch wissen wir auch nicht, was aus der ersten Etage unseres Bildungshauses wird. Hier steht jetzt die ganz große Reform an – die Sekundarschule, und es muss sich erst noch zeigen, ob das ehrgeizige Ziel einer Ganztagsschule für alle erreicht wird.

Dann kommen wir endlich zum lichtdurchfluteten Dachgeschoss des Bauwerks, hier können wir viele Abiturienten bewundern. Dort oben schließlich kommt das große Plus des Berliner Schulwesens zum Tragen: Die weit offenen Tore der Gymnasien, die niemanden abweisen dürfen; die vielen Gesamtschulen, die auch Spätstartern den Weg zur Hochschulreife ebnen.

Wer bisher glaubte, dass diese große Offenheit letztlich zu miserablen Noten führen müsse, muss nun anerkennen, dass Berlins Abiturschnitt mit 2,4 auf einer Höhe mit dem bayerischen liegt. Nun mag man einwenden, dass Berlins Lehrer zu nett zensieren und die guten Zensuren deshalb nichts wert sind. Das aber wäre nur die halbe Wahrheit. Zur ganzen gehört, dass Berlin große Fortschritte bei der Hochbegabtenförderung gemacht hat. Auch den altsprachlichen Gymnasien und den ambitionierten Gesamtschulen gelingt es, Höchstleistungen hervorzubringen. Berlin ist eben nicht nur die Hartz-IV-Hauptstadt, sondern auch Hauptstadt der Kreativen und der Wissenschaft. All das schlägt sich in den Schulen nieder.

Doch die Grundvoraussetzung dafür sind zuverlässige Rahmenbedingungen. Der Senat darf längst zugesagtes Geld für Vertretungslehrer nicht wieder wegnehmen, um es anderswo auf der Baustelle einzusetzen. Anstatt damit gut wirtschaftende Schulen zu bestrafen, sollte er lieber aufpassen, wo Geld sinnlos versickert: In Kitas, die keiner kontrolliert; in Schulen, die von schwachen Schulleitern ruiniert werden.

Gute Abiturnoten schaden niemandem, und längst sind die Hochschulen dazu übergegangen, nicht nur auf den Abiturschnitt zu schauen, sondern auch auf Kompetenzen wie Durchsetzungsfähigkeit, Vielsprachigkeit und Weltläufigkeit. Da sollten sich die Hauptstadtkinder neben den Pisa-Siegern aus Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen eigentlich behaupten können. Zumal ein Leben auf der Baustelle die Improvisationsgabe stärkt.

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